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Kürzlich habe ich darüber geschrieben, wie extrem hoch mir das Bildungsniveau in Argentinien erscheint. Dabei habe ich mich natürlich in erster Linie auf urbane Studentenschichten bezogen. Das ist aber die gleiche soziokulturelle Gruppe die ich auch aus Österreich kenne und daher glaube ich, dass mein Vergleich legitim war. Ich habe auch argumentiert, dass ein hohes Bildungsniveau und ein starkes politisches Bewusstsein Zwillinge sind. Diesmal möchte ich über das erstaunliche Ausmasz der hiesigen Politisierung schreiben.
Argentiniens Jugend ist politisch und links
Die Rechtsfakultaet ist zwar nicht so eine Kaderschmiede wie die Sozialwissenschaften, hat aber auch eine starke Linke.In Argentinien gibt es noch Illusionen. Bei den folgenden Zahlen stütze ich mich ausschließlich auf Einschätzungen meiner Freunde und Bekannten, die ich allerdings durch meine eigenen Erfahrungen maximal bestätigt sehe. Rund ein Drittel der 350.000 der Studierenden auf der UBA (Universität von Buenos Aires) sind irgendwie politisch aktiv. Das Klima au der UBA ist völlig politisiert, 80% der Menschen haben ein politisches Bewusstsein. Die große Mehrheit sind Linke. Es dürften auch mehr als die Hälfte der Studierenden an den Wahlen zur Fakultätsvertretung teilnehmen. Zwar gibt es Privatuniversitäten auf denen ein anderes Klima vorherrscht, die öffentliche UBA ist in Buenos Aires aber ob ihrer Größe extrem dominant. Die gemäßigt trotzkistische Partei „Partito Obrero“ (Partei der Werktätigen) fährt zwar bei den Werktätigen nur minimale Wahlerfolge ein, ihre Studentenorganisation aber hat die Mehrheit in der Vertretung von drei der 13 Fakultäten der UBA. Andere Fakultäten werden von studentischen Ablegern des Peronismus beherrscht, andere wieder von Ablegern der zentristischen „Radikalen Partei“. Eine nennenswerte konservative Kraft gibt es nicht.
Meine eigenen Erfahrungen
- Die vier Argentinier/innen die im Laufe des Jahres in meinem Haus wohnten, waren alle extrem politisiert, unglaublich gut informiert und gebildet. Zwei waren selbst politisch aktiv. Alle waren Linke.
- Mein Hausbesitzer, ein Anwalt Anfang 30, ist ein glühender Linksperonist.
- Sämtliche Menschen die ich sonst kennen gelernt hatte, Freunde von Freunden etc. waren meist politisch interessiert, vom Tangolehrer bis zur Uni-Assistentin.
- Drei Balett-Taenzerinnen die ich im Laufe meiner eigenen Tanztaetigkeit kennenlernte, waren sehr politisch, eine auch aktiv.
- Auch einige völlige Zufallsbegegnungen waren erstaunlich. Beim Autostoppen habe ich z.B. drei junge Aktivisten des „Partido Obrero“ mitgenommen.
In der studentischen Mittelklasse trifft man kaum jemanden ohne politisches Bewusstsein (natürlich habe ich mit der Jugend der Oberschicht nichts zu tun, aber die kann ja zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallen). Das ist ein gewaltiger Gegensatz zu Europa, wo politisches Interesse auch an der Uni ein Minderheitenprogramm ist und politisches Engagement sich überhaupt auf eine kleine Hand voll Leuten reduziert. Insofern lebt Argentinien meiner Meinung nach ein bissl in den 1970ern. Das drückt sich nicht nur in der starken und eindeutig linken Politisierung der Jugend aus, sondern sogar in der (maennlichen) Haarmode. Lange Haare und Vollbart sind in studentischen Kreisen sehr schick und zu meinem Erstaunen auch beim weiblichen Publikum sehr nachgefragt. Es ist daher nicht schwer zu erraten, in welche Richtung sich mein eigenes Aussehen seit Monaten entiwckelt...
Institutionelles Gefuege
Das Elitegymnasium Carlos Pellegrini in Buenos Aires wird wieder einmal besetzt.Die Linke hat immer gegen den Elitebegriff gekämpft und teilweise Ersatzvokabel erfunden, so ist der Kader nichts anderes als eine Elite in Kommunistensprech. Faktum ist, dass die Linke immer ihre spezifischen Eliten hervorgebracht hat und dies meist nicht zum Nachteil der Gesellschaft war. Über den Widerspruch der Linken und ihrer Eliten muss aber an anderer Stelle diskutiert werden. Ich glaube jedenfalls, in Buenos Aires funktioniert die linke Elitenreproduktion ausgezeichnet. Dafür ist nicht nur die extrem politisierte UBA (Uni) verantwortlich, es gibt noch drei wesentliche institutionelle linke Kaderschmieden. Zugang zu den drei anerkanntesten und besten Gymnasien der Stadt bekommt man nur durch eine Aufnahmsprüfung, es ist unmöglich sich einzukaufen. Dieser Modus ist natürlich sozial höchst selektiv, es werden aber nicht nur die Unterschichten aussortiert, sondern auch alle reichen Kinder ohne entsprechenden kulturellen Background. Überbleiben also die Kinder mit dem höchsten kulturellen Kapital und das sind in der Regel Sprösslinge aus großbürgerlichen und intellektuellen Kreisen. Ich glaube die soziale Mixtur ist dem akademischen Gymnasium in Wien nicht unähnlich. Das Klima an den Schulen ist jedenfalls politisch extrem progressiv und avantgardistisch, der Grad an politisch organisierten Schüler/innen ist sehr hoch. Der Nachteil: Durch dieses Konzentrat ist das Niveau anderer öffentlicher Schulen wesentlich schlechter. Obwohl ich niemanden kenne der auf einer dieser drei Schulen war sagen meine Bekannten und Freunde, dass die Ausbildung hervorragend ist und der Ruf diese Schulen besucht zu haben, sowie das entsprechenden Netzwerk extrem weiterhelfen.
Hat Che Guevara punkto Zigarre eigentlich von Bert Brecht abgeschaut?
Antikapitalismus und neomarxistische Denke sind in studentischen Kreisen absolut Mainstream. Als Sozialdemokroete kann ich mich natuerlich eher mit der deutlich kleineren Gruppe der Linksperonist/innen identifizieren. Diese sind aber auch nur innenpolitisch moderat, geopolitisch sind sie ebenfalls neomarxistisch. Kein Wunder bei einem Land, das die Brutalitaet verschiedener Imperialismen erlebt hat. Bert Brecht sagt, man muss so radikal sein wie die Wirklichkeit. Wenn ich die lateinamerikanische Wirklichkeit betrachte, ist eine radikalere Attituede als der traditionelle europaeische Sozialdemokratismus (damit meine ich nicht Deformation der letzten 25 Jahre) wohl legitim.
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