Dienstag, 19. Januar 2010

Die Arbeit im CAINA (Teil 4)

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Der folgende Text ist eine Zusammenstückelung von eigenen Erfahrungen, sowie von Hintergrundinformationen aus der Fachliteratur. Die Schrift „Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit.“ (1970) von Paulo Freire, sowie die Bücher von Jürgen Sand: „Soziale Arbeit mit Straßenkindern“ (Frankfurt 2001) und von Reiner Engelmann: „Straßenkinder im Dschungel der Großstädte“ (München 2002) beantworten viele offene Fragen und ermöglichen eine Kontextualisieurng meines Projekts. Die Passagen die nicht auf eigene Erfahrungen zurückzuführen sind, werden explizit als solche gekennzeichnet.

Pädagogik der Unterdrückten und Assistenzialismus

Paulo Freire (Pädagoge und Befreiungstheologe gestorben 1997), war in den 1960ern maßgeblich am Aufbau einer „Educacion popular“ beteiligt. In seiner Schrift „Pädagogik der Unterdrückten“ geht es um den Bruch mit der traditionellen autoritären Erziehung und um eine revolutionäre Veränderung der Gesellschaft durch die so genannten Marginalisierten selbst. Die Marginalisierten, also die verarmten und bildungsfernen Massen, sollen nicht von missionarischen Revolutionären unter zur Hilfename einer ideologischen Fremdsprache indoktriniert werden. Vielmehr soll an der Lebensrealität der Marginalisierten, an deren Erfahrungen und deren Sprache angeknüpft werden und der Prozess der Bewusstmachung (portugiesisch: Consientizacao) vorsichtig begleitet werden. Die Educacion popular glaubt an die Bevölkerung als treibende Kraft der gesellschaftlichen Veränderung.

Paulo Freire bezeichnete das Bewusstsein der Unterdrückten als „Kultur des Schweigens.“ Diese würden sich durch die verächtlichen Augen der Mächtigen sehen und sich somit als nichtig betrachten.

Freire, der selbst erfolgreiche Alphabetisierungskampagnen in Brasilien durchführte, wurde zu einer wichtigen Inspirationsquelle für die Sozialarbeit im Lateinamerika der letzten Jahrzehnte. Heute spricht man in diesem Zusammenhang laut Jürgen Sand von der „Pädagogik der sozialen Bewegung“, die sich auch auf die Arbeit mit Straßenkindern bezieht. Kinder werden dabei als handlungsfähige Subjekte betrachtet, die ein großes Interesse an gesellschaftlicher Veränderung haben und selbst wesentlich dazu beitragen sich Gehör und Respekt zu verschaffen. Die Pädagogik der sozialen Bewegung grenzt sich ganz deutlich von der traditionellen Armenfürsorge ab, deren konzeptionelle Grundlage heute als Assistenzialismus bezeichnet wird.

Als Assistenzialismus wird in der Fachliteratur gemäß Jürgen Sand eine traditionelle und wenig emanzipatorische, oft durch kirchliche Organisationen ausgeübte Form der Armenfürsorge und Arbeit mit Straßenkindern bezeichnet. Assistenzialistische Projekte holen beispielsweise Kinder von der Straße, ohne ihnen langfristige Alternativen zu bieten. Die Bindung der Kinder und Jugendlichen an die Institution erfolgt mittels Essen, Kleidung, Medizin und Unterkunft. Es gibt keinen strukturierten Plan bezüglich weiterführender Maßnahmen oder einer gezielten pädagogische Begleitung. Die Versorgung mit Nahrungsmittel, Kleidung und Geld wird v.a. von den durch Jürge Sand befragten Sozialarbeiter/innen aus Bolivien strikt abgelehnt. In einem ersten Schritt soll lediglich eine Unterstützung und Begleitung in medizinischen Fragen angeboten werden. Die assistenzialistischen Projekte sind oft religiös motiviert und helfen auf einer karitativen Ebene, ohne die Eigenständigkeiten der Kinder zu fördern. Die Missionierung ist meist ein ebenso wichtiges Motiv wie die unmittelbare Hilfe.

Obwohl das CAINA überhaupt nicht autoritär geführt wird, kann es den Ansprüchen der „Pädagogik der Unterdrückten“, bzw. der „Pädagogik der sozialen Bewegung“ meiner Meinung nach nicht vollständig gerecht werden. Das CAINA wird, so glaube ich, im Laissez-faire Stil geführt. Aus einer Mischung von antiautoritärer Grundhaltung und Wurschigkeit, werden Regeln vermieden und strukturierte Konzepte für die Entwicklung der Kinder verworfen. Es spielt auch eine gewisse lethargische Philosophie mit, der gemäß das Morgen nicht geplant werden kann, Ziele überschätzt sind und die Erleichterung des Lebens der Kinder im Heute das Entscheidende ist. Diese für Lateinamerika nicht untypische Herangehensweise ist für Europäer/innen sehr schwer nachvollziehbar. Ich glaube, dass das CAINA nicht auf Grund einer autoritären, sondern wegen einer Laissez-faire Haltung gewisse assistenzialistische Charakteristika aufweist. Diese Aussage möchte ich mit vier Argumenten stützen:


1. Der Mangel an Motivation

Der Fotoworkshop machte vor Weihnachten eine Ausstellung mit sämtlichen Fotos der Kids. Jede/r durfte sein Foto auf Wunsch mitnehmen.

Den Sozialarbeiter/innen fehlt es an Motivation. Ich habe keine Statistik über die Streiktage und Krankenstände, weiß aber, dass regelmäßig gestreikt wurde und die Leute oft krank waren. Die Fluktuation ist hoch, in den 1,5 Jahren die Paul Gründorfer und ich insgesamt im CAINA waren wechselten mehr als die Hälfte der Sozialarbeiter/innen. Das Team ist extrem jung, niemand bleibt länger als zwei bis drei Jahre. Dies hat mehrere Gründe:

a) Die Sozialarbeiter/innen sind chronisch unterbezahlt. Unterbezahlt bedeutet, dass fast alle noch einen Zweitjob haben, weil sie mit dem CAINA-Gehalt in Buenos Aires nicht das Auskommen finden. Manche sind noch gar nicht mit dem Studium fertig, arbeiten im CAINA und haben noch einen Job. Dass diese Leute mit 25 schon ausgebrannt sind, ist nahe liegend.

b) Das Arbeitsumfeld ist kein Honiglecken. Man freute sich immer wenn nur wenige Kinder kamen, obwohl das CAINA eigentlich versuchen sollte so viele Kids wie möglich zumindest einen Tag von der Straße zu bringen. Weniger Kinder bedeutet weniger nervenaufreibende Beschäftigung mit übermüdeten, physisch verletzten, teilweise (auto)aggressiven tendenziell depressiven und oft von den Nachwirkungen des Drogenkonsums der vorangegangenen Nacht gezeichneten Kindern und Jugendlichen. Sozialarbeiterinnen müssen sich ständig gegen sexistische und machistische Sprüche und Witze wehren. Männliche Sozialarbeiter sind – wenn ein Kind auszuckt – physisch gefährdet. Es klingt unglaublich, aber für eine kräftige 17-jährig die durchdreht und mit Metallsessel um sich schmeißt braucht man fünf Männer um sie aus dem CAINA zu befördern. Ich selbst habe Sozialarbeiter mit blauen Augen und blutigen Nasen gesehen. Draußen angelangt dreschen Rausgeworfene bis zu einer halben Stunde gegen die metallene Gefängnistür, so dass es im gesamten CAINA donnert. Um zwei wutentbrannte 17-jährige die sich mit der Gabel abstechen wollen auseinander zu halten, bedarf es fast des gesamten Sozialarbeiterteams. Derartige Eskalationen passieren zwar nur alle paar Wochen, Scharmützel geringerer Abstufung sind jedoch das tägliche Geschäft. Es ist schlicht ruhiger und bequemer wenn weniger Kinder kommen.

c) Die Kinder sind nicht dankbar. Sie haben nie darauf gewartet, dass ihnen jemand hilft, sie haben auch nie darum gebeten. Sie warten auch nicht darauf ins bürgerliche Leben eingegliedert zu werden, sondern wollen – trotz aller Risiken der Straße – ihre Freiheit auskosten. Immerhin sind sie dort ihre eigenen Herren. Niemand hat auf Sozialarbeiter/innen gewartet. Noch weniger wartet man auf Weltverbesserer aus Europa, die mit gebrochenem Spanisch das hundertste – zum Scheitern verurteilte – Theaterprojekt mit Straßenkindern aufziehen wollen.

d) Eine gewisse Beamtenlethargie ist im CAINA, das nicht von einer NGO sondern von der Stadt unterhalten wird, unübersehbar. So weit ich das mitbekommen habe beschränkt sich das städtische Controlling auch auf die Einhaltung von Hygienevorschriften.


2. Der Mangel an Zielen

Die Kids friedlich beim Zeichenworkshop

Zwar sind die Ziele des CAINA als niedrigschwellige Erstanlaufstelle mit Vermittlungscharakter niedrig gesteckt, ich frage mich aber trotzdem, ob man nicht mehr herausholen könnte. Ich glaube wenn man schon 1.000 verschiedene Straßenkinder pro Jahr im Haus hat, sollte man alles daran setzen diese gleich unmittelbar vor Ort zu inspirieren und zu animieren. Täglich kommen zwei bis vier Lehrer/innen, sowie freie Angestellte die Workshops abhalten, von den 14 Sozialarbeiter/innen ganz abgesehen. An Personalressourcen mangelt es also nicht. Man bietet den Kindern zwar eine Reihe an Angeboten die zwischen Schulbildung und Unterhaltung angesiedelt sind. Ich finde die Workshops zu den Themen Foto, Malen, Zirkus etc. auch gut. Diese Aktivitäten stehen aber meiner Auffassung nach zu wenig im Vordergrund, außerdem wurden sie im letzten Jahr erheblich gekürzt. Die Workshops erwecken überdies oft mehr den Eindruck die Kinder temporär zu beschäftigen, als ihre Talente zu entfalten. Ich glaube sie haben auch gar nicht den Anspruch die Kids gezielt zu fördern sondern – dem Konzept einer Erstanlaufstelle entsprechend – ihnen die Zeit angenehm zu vertreiben. Ich finde man könnte die Ansprüche da schon ein bisschen hinaufschrauben.

Bis zu einem gewissen Grad werden die Kinder versorgt, aufbewahrt und verwaltet. Die kulinarische Abspeisung nimmt im Tagesablauf eine zentrale Rolle ein, die am häufigsten von den Kindern gestellten Fragen lauten: „Wann werden wir essen?“ bzw. „Was essen wir heute?“ Es fehlen klare Ziele, was mit den Kids passieren soll. So werden die Kinder z.B. nicht individuell gefördert, in ihren Stärken gestärkt oder animiert sich im Gelernten zu beweisen. Dabei könnten sie bei Vorführungen allen zeigen was sie punkto Jounglieren, Malen oder Rechnen schon drauf haben. Auch der Umstand dass die fundamentale Kulturtechnik unserer Zeit – das Internet – nicht vorhanden ist zeigt, dass man nicht genau weiß was man mit den Kindern eigentlich anfangen soll. Die Sozialarbeiter/innen vermitteln daher oft den Eindruck einer etwas unbeholfenen Ratlosigkeit, die Kinder den einer ermattenden Langeweile.


3. Regelwillkür

Das kleine aber feine Büro für Direktor, Vize und Generalsekretärin.

Meiner Auffassung nach fehlt dem CAINA ein sinnvolles pädagogisches Gesamtkonzept. Vor allem klare Regeln – ein Grundpfeiler jeder sozialen Ordnung – sind nur vage vorhanden. Immer werden Mittel und Wege gefunden die Regeln neu auszulegen, oder aus Gründen der Bequemlichkeit und zur Vermeidung von Konfrontationen zu ignorieren. Da es auch an klaren Zielsetzungen für die Entwicklung der Kinder fehlt, können solche Regeln auch nicht einem entsprechenden Ziel angepasst werden. Dadurch entsteht oft der Eindruck von Willkür. Nicht zuletzt sind es natürlich auch allgemeine kulturelle Differenzen, die ich hier dem CAINA im Speziellen umhänge. Die wichtigsten pädagogischen Probleme sind:

a) Wer insistiert setzt sich durch: Tatsächlich hängen die Möglichkeiten dessen was die Kinder machen dürfen und was nicht selten von einheitlichen Regeln ab, sondern von dem Druck, den die Kinder (oft mittels Lautstärke) auf die Sozialarbeiter/innen ausüben können. Meine Versuche einheitliche Regeln bei der Frühstücksausgabe durchzusetzen wurden regelmäßig von Sozialarbeiter/innen unterminiert, die sich als temporäre Anwälte von durchsetzungsfreudigen CAINA-Besucher/innen profilierten.

- Ein 16-jähriger der bei der Rotation des Volleyballspiels seine Position partout nicht wechseln möchte, darf für den Rest des Spiels auf seinem Platz (vorne Mitte) bleiben, obwohl dann logischerweise nie ein anderes Kind auf diesem attraktiven Platz stehen kann.
- Ein 14-jähriger der ein Tischtennisspiel zwischen zwei anderen Kindern sabotiert (Netz abhängen etc.), weil er jetzt sofort spielen will wird nicht zurechtgewiesen, sondern es wird Druck auf die anderen beiden ausgeübt ihr eben begonnenes Spiel schneller zu beenden.
- Kinder die lang genug insistieren, dass sie diesen oder jenen Frühstücksbestandteil haben möchten, bekommen ihn letztlich, obwohl die per Küchenplan vorgegebene Menge für den jeweiligen Tag bereits ausgegeben wurde und die Lebensmittel am Folgetag, aber spätestens am Ende der Woche fehlen. Schlimmer ist aber der Umstand, dass jene fünf Kids die zuvor das selbe wollten aber die Antwort dass nichts mehr da sei akzeptiert hatten, nun an meiner Glaubwürdigkeit zu zweifeln beginnen und realisieren, dass man insistieren muss um etwas durchzusetzen.

Hier posiere ich zwischen den Machthabern des CAINA. Links der Direktor Emilio. Er ist nicht nur ausgesprochen geduldig, sein Umgang mit den Kindern ist extrem herzlich, authentisch und liebevoll. Rechts Chechu, die so etwas wie die Generalsekretärin und in nicht pädagogischen Fragen die eigentliche Entscheidungsinstanz ist. Dank ihr wurde die tägliche Essensausgabe exakt rationiert und andere sinnvolle Regelungen getätigt. Für mich wohltuende Ordnungsmaßnahmen im Semichaos.

b) Wer sich aufführt wird beachtet: Verwandt mit Problem 1 ist auch jenes, dass Kinder die sich auffallend unkooperativ verhalten unfassbar viel mehr Aufmerksamkeit ergattern als ihre entspannteren Kolleg/innen. Dies animiert die ständig unter Aufmerksamkeitsdefizit mangelnden Kids noch mehr Chaos zu stiften.

- Mir ist folgendes aufgefallen: Wenn ich den Umstand einfach ignoriere dass sie mir den Käse oder die Butter aus der Küche stehlen, bringen sie das Diebsgut enttäuscht wieder zurück oder lassen es im Aufenthaltsraum liegen und ein/e Sozialarbeiter/in bringt es mir irgendwann wieder. Rege ich mich hingegen auf, sind die Täter/innen entzückt über den Erfolg ihres Streiches.

c) Sanktionen werden willkürlich verhängt: Manchmal werden Sanktionen eher dann verhängt wenn sich Sozialarbeiter/innen akut gestört fühlen, als wenn Kinder sich wirklich gemein oder boshaft verhalten.

- Ein 15-jähriger ist beim Mittagessen sehr laut, lebhaft und wild. Trotz Mahnungen durch eine Sozialarbeiterin singt und klascht er, schließlich hüpft er auf einen Sessel um die anderen zum Mitmachen zu animieren. Tatsächlich beginnen etliche im Rhythmus zu klatschen. Unser Freund hat sich weder aggressiv noch beleidigend gegenüber Kolleg/innen verhalten. Dieser nicht prinzipiell unkooperative Zeitgenosse wurde für diesen Tag umgehend des CAINAs verwiesen, weil die mahnende Sozialarbeiter/in ihre Autorität nicht untergraben sehen wollte.


4. Fürsorge statt Partizipation

Die Köch/innen, meine vier geliebten Chef/innen. Als einziger Mann in der Küche und als einzige Person mit einer Körpergröße über 1,20 Meter, waren große Gewichte (Fleischkisten) und hoch abgestellte Gegenstände mein Spezialgebiet.

Wie sehr das CAINA ein Versorgungsapparat ist zeigt sich an der impliziten Philosophie, der dem gesamten Konstrukt zu Grunde liegt. Der Deal mit den Kindern lautet etwa so: Es gibt nur ganz wenig Regeln, ihr braucht keine Verantwortung zu übernehmen und das zahlreiche Personal macht alles für euch, dafür müsst ihr aber alles so schlucken wie ihr es vorfindet und habt Null Mitbestimmungsrechte. Ich finde hingegen, es sollte genau umgekehrt sein: Ihr dürft an einigen Entscheidungen über die Gestaltung eures Tagesheimes partizipieren, dafür müsst ihr aber auch eine entsprechende Verantwortung tragen. Stattdessen wird den Kindern fast alles vom Apparat vorgesetzt und sie werden bedient.

Frühstück, Mittagessen, Jause und dazwischen Wasser oder sonstige Wünsche werden fast wie im Restaurant erfüllt. Jeden Tag kommen andere Externe um einen Workshop anzubieten, den die Kids dann konsumieren können. Wieso werden die Kinder nicht in die Planung und Durchführung von Workshops miteinbezogen? Wieso bereiten die Kinder nicht selbst das Frühstück zu? Wieso waschen sie nicht selbst das Geschirr ab? Die Antwort wäre wohl, dass das Frühstück nicht von ihren Launen abhängen darf, dass sie aus dem Eiskasten Lebensmittel mitgehen lassen würden, dass sie nicht mit gefährlichen Gegenständen hantieren dürfen, weil sie sich im Streitfall damit gegenseitig verletzen würden, dass sie letztlich Chaos stiften würden. Meine Erfahrung war jedoch eine ganz andere. Jedes Mal wenn ich einem Kind auch nur eine ganz kleine Aufgabe übertragen habe, war die Freude etwas Wichtiges machen zu dürfen so groß, dass es mit besonderer Gewissenhaftigkeit ausgeführt wurde. Manchmal habe ich Kids gebeten die Tische mit mir abzuräumen, mir beim Heben von schweren Gegenständen zu helfen oder irgendetwas irgendwo hinzutragen. In diesem Moment änderte sich das Betreuer-Betreute Verhältnis in eine kurzfristige Partnerschaft mit gemeinsamen Zielen.

Die Kinder bei einem Volleyballmatch in der Sporthalle.

Ich bin absolut überzeugt, dass eine geordnete Partizipation von heute auf morgen fast reibungslos funktionieren würde. Wenn man der Eigenverantwortung und auch der Eigeninitiative der Kinder entsprechenden Spielraum lässt, nehmen sie diese Chance sofort war. Ich glaube – um meinen wichtigsten Arbeitsbereich herauszugreifen –, dass das Zubereiten des Frühstücks und das Abwaschen des Geschirrs durch die Kinder sich nach einiger Zeit so einspielen würden, dass Unruhestifter von den erfahrenen Kindern selbst zurechtgewiesen würden.

Der Altersschnitt liegt bei 15,4, das bedeutet etliche der Kinder sind keine Kinder sondern Jugendliche zwischen 16 und 18. Das ist ein Alter, wo man in Österreich schon eine Lehre abschließt. Diese Altergruppe kann man nicht nur unterhalten, man muss ihnen auch Möglichkeiten geben zu gestalten. Abgesehen von den täglichen Routinetätigkeiten fallen da noch etliche Möglichkeiten an. Vom Ausmalen der Wände bis zum Reparieren der hauseigenen Fahrräder, es gäbe genug Betätigungsfelder zur Beschäftigung der Kids.

Stattdessen ist aber für jeden Handgriff ein/e Angestellte/r zuständig, die Eigenverantwortung der Kinder im CAINA liegt bei Null. Entsprechend herrscht auch immer eine Grundstimmung der Langeweile vor. Es gibt keine Versammlungen bei denen die Kinder nach ihrer Meinung gefragt werden, es gibt keine Aufgaben mit denen sie betraut werden, es gibt keine Herausforderungen denen sie sich stellen können. Das ist ein Fürsorgesystem im klassischen Sinne. Der sozial Bedürftige wird beherrscht, dafür aber umsorgt.


Ein Problem im CAINA ist, dass es keine Heizung gibt. Bei Null Grad und hoher Luftfeuchtigkeit ist das nicht besonders angenehm. Als erfrorener Mensch war ich sehr froh,, dass mein Hauptarbeitsplatz neben den Riesenöfen der Küche war. Ich glaube ein geheiztes CAINE würde im Winter wesentlich mehr Kinder in die warme Stube locken.

Eine Empfehlung

Wieso habe ich diese Kritikpunkte nicht selbst im CAINA platziert? Nun, erstens hat es viele Monate gedauert meine Eindrücke in Erkenntnis umzusetzen. Zweitens arbeiten dort 15 professionelle aber völlig unterbezahlte Sozialarbeiter/innen mit Hochschulabschluss, die alles andere brauchen als einen obergescheiten Europäer der ihnen in gebrochenem Spanisch erklärt, wie sie ihren Job zu machen haben. Nach zehn Jahren politischer Tätigkeit bin ich Realist genug um einigermaßen einschätzen zu können, wann Veränderungsambitionen aussichtslos sind und wann nicht.

Von anderen Auslandsdienern weiß ich, dass ihre Stellen viel zuviel Verantwortung für viel zu wenige Arbeitskräfte bedeuten. Im CAINA gibt es ein umgekehrtes Problem. Es gibt zwar klar abgesteckte Arbeitsfelder für Auslandsdiener, diese sind aber letztlich Küchenhilfsdienste, nicht gerade verantwortungsschwanger und entsprechend wenig attraktiv. Nichtsdestotrotz ist das Arbeitsumfeld – vor allem in der Küche – sehr locker und angenehm. Kurz: Die Menschen sind das Plus, die Arbeit das Minus. Die Stadt Buenos Aires kann ich jedem zukünftigen Auslandsdiener als Ort zum Leben nur wärmstens empfehlen. Den Auslandsdienst im CAINA lege ich nur zäheren und abgeklärten Persönlichkeiten ans Herz, die auch über viele Monate an Routinearbeit nicht verzweifeln und sich keine Illusionen über die Flexibilität staatlicherer Bürokratien machen.

Der Standort bestimmt den Standpunkt. Als Mitarbeiter in der Küche habe ich bereits nach wenigen Wochen den Standpunkt der Küche übernommen und ihre Interessen zu den meinen gemacht. Diese unterscheiden sich naturgemäß von den Interessen der Sozialarbeiter/innen und der Direktion.

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Sind Patrioten Idioten?

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Kurt Tucholsky: Antimilitarist, Antipatriot und sozialistischer Publizist jüdischer Herkunft. Er war das rote Tuch aller nationalistischen Kräfte der Weimarer Republik.

Patriotismus ist so eine Sache. Der Stolz auf eine konstruierte Zugehörigkeit zu einer Abstraktion namens Nation oder Volk. Die Homogenisierung einer Gruppe die als solche nicht existiert. Das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Staatskonstrukt dessen Grenzen aus den blutigen Auseinandersetzungen von Aristokraten oder Faschisten hervorgegangen sind. Die unterstellte Einheitlichkeit von Mentalität, kulturellen Merkmalen, historischen Erfahrungen oder gesellschaftlichen Zielen. Für Karl Popper ist der Nationalismus der vormoderne Wunsch nach kollektiver Stammeszugehörigkeit. Die Geschichte des nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls ist eine Geschichte der Instrumentalisierung durch die Herrschenden. Von den Kriegshetzern von 1914, sowie von Hitler und Stalin einmal ganz abgehen, treibt der Nationalismus auch in modernen westlichen Demokratien bedenkliche Blüten. Wer in den USA 1970 gegen den Vietnamkrieg oder 2003 gegen den Irakkrieg war, wurde zum Vaterlandsverräter gestempelt, ebenso im französischen Algerienkrieg der 1950rt-Jahre. Wer anno 2000 gegen die Schüsselregierung war wurde als Österreich-Vernaderer vorgeführt, wer in Kärnten was gegen St. Haider sagt ist ein Nestbeschmutzer. Nationalismus dient meistens dazu, die Reihen zu schließen und Opposition zu delegitimieren.

Tatsächlich destabilisieren die zunehmende innere Differenzierung der Gesellschaft einerseits, sowie die Globalisierung von Trends und Lebensweisen andererseits das Nationalkonzept nachhaltig. Esoterisch, religiös oder in NGO’s engagierten Menschen, Finanzmarktjoungleure, Models, Manager/innen von Multis und Werbefachleute, Leute die tanzen, extrem-bergsteigen, Musik machen oder Paintball spielen, Homosexuelle, Transsexuelle, Asexuelle, Menschen die sich in virtuellen Welten selbst neu erfinden und Aussteiger/innen, Hippis, Yuppies, Emos und Punks. Sie alle brauchen kein Vaterland. Die Vielfalt individuell gestaltbarer Lebensweisen schafft neue Identitätsmuster, die regionale oder kulturelle Identitäten ergänzen oder ersetzen.


Adel und Nation

„Alles für das Volk nichts durch das Volk“, war die Devise der aufgeklärten Absolutisten, dessen bekanntester österreichischer Vertreter wohl Joseph II. war.

Historisch hat das Nationalbewusstsein jedoch eine wichtige politische Aufgabe erfüllt. Der deutsche Kaiser und der russische Zar waren selbstverständlich Vetter, sämtliche französische Herrscher – ob Bourbonen oder Napoleon – nahmen sich eine Habsburgerin zur Frau und schmückten sich so mit dem Glanz des ältesten Herrschergeschlechts Europas. Der Adel war elitär, unter einander verwandt, internationalistisch und voll ahnungsloser Verachtung für die Lebensrealität des eigenen Volkes (was sich mit dem aufgeklärten Absolutismus ein wenig änderte). Der Adel forderte als internationalistische Elite von seinen Untertanen die Loyalität zum Herrscherhaus anstatt zu einer Nation oder einem Volk ein. Das Bekenntnis zu Volk und Nation in Auseinandersetzung mit der Aristokratie ist somit ein großer historischer Fortschritt, der auch der Nationalbewegung zu verdanken ist. Das Volk wurde in den Mittelpunkt des Interesses gestellt, womit erstmals zumindest theoretisch alle seine Mitglieder gemeint waren. „Deutsch sein heißt frei sein“ war eine Parole der Nationalbewegung im 19. Jahrhundert, sie richtete sich gegen die Herrschaft des Adels, für liberale und demokratische Reformen und galt als Bekenntnis zum gesamten Volk.


Nationalkonservativer Patriotismus

Dieser freundliche, sympathische und vertrauenserweckende Herr war von Beruf Diktator und hat mindestens 3.000 Menschenleben auf dem Gewissen. Auf dem Begräbnis von Augusto Pinochet 2006 nahmen 40.000 Menschen teil. In chilenischen Fußballstadien hört man heute nach gelegentlich: “Chi chi chi Le le le - VIVA CHILE Pinochet“.

Ein patriotischer Pol in Argentinien ist das Militär, es repräsentiert sozusagen den Nationalismus der Rechten, wie wir ihn uns vorstellen. Der diskursive Schwerpunkt liegt dabei eindeutig eher beim Begriff „patria“ (Vaterland), denn beim Begriff „pueblo“ (Volk). Allerdings hat sich das Militär während seiner Diktatur (1976-1982) durch die Menschenrechtsverletzungen, den verlorenen Falklandkrieg sowie durch eine desaströse Wirtschaftspolitik dermaßen selbst diskreditiert, dass der rechte Nationalismus zu einer Randerscheinung wurde. Die Mittel- und Oberschichten wollen mit dem militärischen Nationalismus nichts zu tun haben. Im Gegensatz zu Chile wo ganze Fanclubs von Fußballmannschaften noch Sympathien für Pinochet haben und dies im Stadium auch kundtun, betrachtet die überwiegende Mehrheit der Argentinier/innen die eigene Militärdiktatur als historische Katastrophe. Die nationalnistischen, autoritären und antidemokratischen Kräfte im Umfeld der Militärs sind meiner Einschätzung nach heute politisch fast völlig isoliert.


Antipatriotische Bourgeoisie

Die Selbstwahrnehmung der US-Mittelklasse ist ziemlich genau das Gegenteil der Selbstwahrnehmung der argentinischen Mittelklasse. Die USA als „pais de le mierda“ (Scheißland), als Barbarenland oder als Desaster zu bezeichnen, würde wohl eher auf nachhaltige Empörung stoßen.

Die Mittel- und Oberschichten zwischen 35 und 65, also jene Generationen die derzeit in Argentinien den Ton angeben, sind nicht unpatriotisch, sondern geradezu antipatriotisch. Anfangs habe ich diese Haltung als Ausdruck eines Weltenbürgertums begrüßt, diese Interpretation des argentinischen Antipatriotismus ist aber zu kurz gegriffen. Die Mittel- und Oberschichten verachten Argentinien, weil sie es als ein unzivilisiertes Entwicklungsland betrachten. Besonders gegenüber Westler/innen betonen sie bereits nach wenigen Sekunden ihre Geringschätzung für ihr eigenes Land. „Was sagst du zu diesem Desaster“, war die erste Frage einer Spanischlehrerin (Mitte 40) der Uni von Buenos Aires an mich. Gemeint war Argentinien. Andere Leute bezeichnen ihre Nation als Affenland oder Land der Indianer. Die Menschen tun dies um zu bekunden, dass sie Argentinien mit europäisch/us-amerikanischen Augen sehen, obwohl sie meistens noch nie in Europa oder den USA waren. Sie wollen verdeutlichen, dass sie etwas Besseres verdient hätten und selbst über dem Niveau der argentinischen Gesellschaft schweben. Sie sind zivilisierte, kultivierte und elegante Europäer/innen, die zufälligerweise das Pech hatten, in ein Entwicklungsland am Ende der Welt geboren zu werden. Ich kann dieses Gerede nicht mehr hören und habe bereits eine Armada an Gegenargumenten parat. die wichtigsten in aller Kürze:

Argentinien ist gebildeter, weit weniger xenophob und teilweise liberaler als Europa (in zwei Provinzen gibt es z.B. die Homoehe). Es gibt eine kostenlose, unkomplizierte und hochwertige Krankenversorgung für alle, in den USA wird Obama als Hitler beschimpft wenn er nur an eine kleine öffentliche Versicherung denkt. Es gibt eine bürokratische, aber gute, kostenlose und frei zugängliche Uni, während in Europa die ausgehungerten Unis immer schwerer zugänglich werden. Es gibt U-Bahnen, Stadtbusse, Überlandbusse, Züge und perfekt erhaltene Straßen im ganzen Land, das EU-Land Rumänien, (dessen BIP gleich hoch ist wie jenes Argentiniens) kommt an diese Verkehrsinfrastruktur nicht heran. In allen Megametropolen der Welt gibt es brutalen Raubmord und Vergewaltigungen, auch in New York, London und Paris. In einer 13-Millionenstadt passiert das eben mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Die auf Angst und Schrecken ausgerichtete mediale Berichterstattung verzerrt aber die Wahrnehmung und die Relationen.

Die Ablehnung der Mittel- und Oberschichten gegenüber der eigenen Bevölkerung ist der alten Verachtung der Aristokratie für ihre Untertanen gar nicht unähnlich. Es die gefühlte Zugehörigkeit zum westlichen Bürgertum bei gleichzeitigem Hass auf das eigene Volk, vor allem auf die Unterschichten. Diese werden in Argentinien als „Negros“ (Schwarze) bezeichnet. Da Argentinien seine schwarze Bevölkerung im 19. Jh. an den Kriegsfronten aufreiben ließ, ist Negros eher ein soziales denn ein rassisches Schimpfwort. Auch die in der Regel weißen, aber sozial wenig angesehenen Busfahrer werden als „Negros de la mierda“ (Scheiss-Schwarze) beschimpft, wenn sie eine Haltestelle ignorieren. Allerdings sorgt die permanente Migration aus Peru/Bolivien/Paraguay in die Armutsviertel Argentiniens dafür, dass der Anteil indigener Bevölkerung an der Gesamtheit der Armen steigt und Negro eine zunehmend sozialrassistische Note bekommt, die dem österreichischen „Tschusch“ ähnelt.

Diego Maradona, wie ihn die Mittel- und Oberschichten leidenschaftlich hassen.

Die Übersetzung für gute Gesellschaft ist „gente bien“, also gute Leute. Damit grenzt man sich vom Negro-Pöbel ab. Man kann auch sagen, „gente como uno“, also Leute wie einer (selbst), um die Grenze zwischen guter Gesellschaft und Pöbel zu ziehen. Besonders grotesk wird es, wenn Leute aus der Mittel- und Oberschicht sagen: „Los Argentinos no son gente como uno“, also die Argentinier sind nicht Leute wie einer (selbst). Damit grenzt man sich sozial und ethnisch/national ab, weil man mit Argentinier/innen den Pöbel, aber nicht sich selbst meint. Diego Maradona ist ein beliebtes Feindbild der „gente bien“. Vor allem als er nach der haarscharf erzielten WM-Qualifikation im Live-Fernsehen all jenen die nicht mehr an die Mannschaft glaubten ausrichten ließ, „die Damen mögen verzeihen, aber man könne ihm einen blasen“, wurde der Hass auf die „bestia“ und den „negro“ Maradona neu angeheizt. Maradona ist zweifellos nicht der galanteste Stern am Firmament der wohlerzogenen Caballeros, trotzdem repräsentiert er als Herkömmling aus einem Armutsviertel in der Südzone von Gran Buenos Aires wie kaum ein Anderer die enormen sozialen Konflikte Argentiniens.


Sozialpopulistischer Patriotismus


Der autoritäre Sozialpopulist Peron stellte sich gegen die jahrhundertealten Eliten und auf die Seiten des gemeinen Volkes. Gattin Evita – die Ikone des Industrieproletariats – war laut eigener Aussage auf zwei Dinge stolz. Auf die Liebe der Armen und den Hass der Oberschicht.

Der Peronismus und die sich daraus bis heute ableitenden populären, gewerkschaftlichen und politischen Strömungen haben einen starken nationalen Einschlag. Es handelt sich beim Peronismus meinem Urteil nach um eine Verbindung von sozialdemokratischen und nationalen Ideen, wobei der demokratische Rechtsstaat oft als unnötiges Hindernis betrachtet wird. Dem Mussolini-Faschismus wird ebenso wie dem Nationalsozialismus eine gewisse Bewunderung entgegengebracht, obwohl der Peronismus – vor allem im Gegensatz zu seinem italienischen Vorbild – radikal mit den Eliten der Großgrundbesitzer brach. Letztere waren wesentliche Träger des italienischen Faschismus.

Faktum ist, die Gewerkschaften und die Regierung Kirchner stehen in einer patriotischen Tradition, die durch Nationalflaggen und entsprechende auf Volks und Nation bezogene Diskurse immer wieder zum Ausdruck gebracht wird. Der diskursive Schwerpunkt liegt aber eindeutig eher beim Begriff „pueblo“ (Volk), denn beim Begriff „patria“ (Vaterland). Damit wird ausgedrückt, dass man bewusst zum Volk und seinen unteren Schichten steht und sich von den Mittel- und Oberschichten abgrenzt, die Argentinien für ein Affenland halten und immer nur nach Europa und in die USA lugen.


Nationalstolz an der Peripherie

So bestialisch der Nationalismus sich bei uns auch historisch ausgewirkt hat und so sehr mich die nationale Kleinstaaterei im Europa der 2000er-Jahre nervt, man kann zu diesem Thema keine Pauschalaussagen machen. In Ländern der Peripherie, die ständig darunter leider, dass regionale Eliten die Ressourcen und Arbeitskräfte ihres Landes an westliche Konzerne verscherbeln, ist ein Bekenntnis zum Volk und eine nationale Orientierung bei der Handels- Industrie und Sozialpolitik wahrscheinlich ein großer Fortschritt. Das Brasilien Lulas dürfte dafür ein Positivbeispiel sein und auch das bei uns so blutrünstig dargestellte Regime eines Hugo Chavez in Venezuela hat durchaus beachtliche Fortschritte erzielt.

Argentinien hatte in den letzten zehn Jahren nicht so viel Schwung wie andere Staaten Südamerikas. Allerdings stelle ich fest, dass meine Generation ein wesentlich solideres Nationalbewusstsein hat als die antipatriotische Elterngeneration. Ich habe von meinen Alterkolleg/innen unverblümte Kritik, aber noch kaum eine verächtliche Bemerkung über ihr Land gehört. Sie hassen die Korruption, sie wollen sich von unfähigen Unternehmen und Behörden nicht mehr verarschen lassen, sie entrüsten sich über die Armut und sie gehen Leute offensiv an, die Mist auf die Straße werfen. Sie glauben an Argentinien und wollen ihr Land vorwärts bringen. So unterschiedliche ihre politischen und persönlichen Motive sein mögen, die Schnittmenge ihrer Ziele ist groß. Um Argentinien punkto Sozialstaat, Wirtschaftskraft, Menschenrechte, Umweltschutz, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, dort hinzubringen wo sie es haben wollen, wird letztlich ein gemeinsames Nationalbewusstsein und ein gemeinsamer Glaube an das eigene Land notwendig sein. Im Gegensatz zu den chronisch skeptischen Argentinier/innen bin ich überzeugt, dass die Leute meiner Generation erhebliche Erfolge erzielen werden. Das ist es auch, was ich ihnen für die Zehnerjahre wünsche.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Kulinarisches

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Um den wahren Stellenwert den Essen für mich hat möglichst lange hinter politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Pseudoanalysen zu verbergen, habe ich diesen Eintrag viele Monate aufgeschoben. Spätestens mit diesem Text wird aber klar, dass ich den Sozialismus im Zweifelsfall für ein saftiges Steak verkaufen würde. Vielleicht hat der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter deshalb von „Beefsteak-Sozialismus“ gesprochen.

Joseph Alois Schumpeter war kein Mann von Bescheidenheit. Er wollte „der größte Liebhaber Wiens, der beste Reiter in Europa und der bedeutendste Ökonom der Welt“ werden. Als Beefsteaksozialisten bezeichnete er Leute, die im Sozialismus ausschließlich die Ausweitung der jährlichen Kaufkraft der Arbeiter/innen sahen.

Wenn wir schon beim Thema Beef sind, möchte ich den unglaublichen Rindfleischverzehr der Argentinier/innen einmal kurz historisch erläutern. Der Grund dafür ist nämlich, dass europäischen Konquistadoren im 16. Jh. Rinder ausgesetzt haben, bevor sie von den Indianer/innen besiegt und verjagt wurden. Als man die Ureinwohner/innen 40 Jahre später unterwarf, fand man ein Riesenland mit einer gewaltigen Anzahl an Rindern vor, die sich ohne natürliche Feinde exponentiell vermehrt hatten. Der Gaucho (Cowboy), seines Zeichens der europäischstämmige Urargentinier, lebte in den Folgejahren als Nomade, der mit dem Gewehr Rinder schoss wenn er Hunger hatte und unter freiem Himmel schlief. Sein Essverhalten ist jenem der heutigen Argentinier/innen nicht unähnlich. Der Rindfleischkonsum betrug in Argentinien in den 1970er-Jahren unfassbare 90 kg pro Kopf (250 Gramm täglich!), heute ist er auf 70 kg gesunken. Das ist immer noch Platz 1 der Welt.

Dieser Wahnsinn, hat meinen Geschmackssinn verändert. Seit Jänner habe ich kein Schweinefleisch mehr gegessen. Im CAINA (meinem Straßenkinderheim), gibt es jeden (!) Tag Fleisch. Sprich Rind und alle zwei Wochen Huhn. Ein einziges Mal, am Tag des Kindes, haben wir aus besonderem Anlass Pizza gemacht, in zehn Monaten der einzige fleischfreie Tag. Selbst ganz kleinen Kindern wird bereits Fleisch verfüttert und im Gegensatz zu den Erinnerungen aus meiner Kindheit, lieben alle Kids im CAINA Rindfleisch.

Anfangs wurde mir gleich klar, dass die Qualität des Fleisches nicht schlecht ist. Ich fand das Essen passabel, aber den Geruch in der Küche ein bisschen abstoßend. Leicht blutiges Rindfleisch das für 50 Personen in Riesenöfen zubereitet wird riecht ein bisschen derb. Nach einigen Monaten, begann sich meine Wahrnehmung des Rindfleisches in kurzer Zeit stark zu verändern und ich entdeckte mich dabei die Speisen immer mehr zu genießen und den Geruch zu mögen. Mittlerweile bin ich süchtig nach Rindfleisch und gratuliere den Köchinnen euphorisch, wenn sie wieder einmal ein besonders gutes Schnitzel, Gulasch, Fleischlaberl oder Ofenfleisch zubereitet haben. Mein Geschmack hat sich zweifelsfrei argentinisiert.


Was ist toll?



Empanadas: Gefüllte Teigtaschen, klassisch mit Faschiertem, mit Schinken und Käse oder mit Zwiebel und Käse. Abwechslungsreich wie ich bin esse ich stets zwei mit Zwiebel-Käse und zwei mit Schinken-Käse. Diese Mahlzeit kostet mich bei Pizza Peppe ums Eck 1,85 Euro. Gut, simpel, preiswert und – im Vergleich zu Hamburgern – einfach zu verzehren.


Choripan: Neben dem Empanada gibt es noch eine außerordentlich erfreuliche Speise der Kategorie Fastfood. Der Hot Dog Argentiniens ist das Choripan. Also ein aufgeschnittenes Brot mit Chorizo, einer verdammt guten Paprikawurst, die vorher gegrillt wird. Das Choripan passt ganz hervorragend zu Bier. Man sollte vermeiden Choripan ohne Bier zu konsumieren und wenn möglich sollte man jedes Biertrinken auch gleich als Gelegenheit für ein Choripan betrachten.


Bife: Auch in Österreich gibt es tolle Steaks, aber hier bekommt man für 4,5 Euro ein köstliches Riesenstück. Ein Freund der mich in Argentinien besucht hat und dessen Namen ich nicht nennen möchte (Hinweis für Insider: er ist laut, hat fast keine Haare mehr und lebt in Preußen) hat vor lauter Begeisterung jeden Tag Mittags und Abends ein solches Steak verdrückt.


Milanesa Napolitana: Die Wörterkombination ist ein Widerspruch, der Italiener/innen in erstauntes Entsetzen versetzt. Ein „naopletanischer Mailänder“ ist so unmöglich wie der Himmel in der Hölle. In Argentinien interessieren die Attitüden der Großeltern nicht mehr. Man isst das sehr dünne Schnitzel (vom Rind versteht sich) mit geschmolzenem Käse und Paradreissauce darüber. Es schmeckt wirklich köstlich.


Dulce de Leche: Diese streichfähige Karamellcreme ist in Argentinien unfassbar dominant. In Mehlspeisen, Torten, Creps, im Eisladen oder beim Frühstücksaufstrich, überall schlägt Dulce de Leche die Wichtigkeit von Schokolade um Längen.


Alfajor: Das wichtigste Biscuit in Argentinien. Es handelt sich um eine Art trockenes Törtchen (ca. 80g) in Schokolade getaucht und selbstverständlich mit Dulce de Leche gefüllt. Ziemlich süß aber wirklich gut. Der Alfajor findet Einsatz beim Frühstück, bei der Nachmittagsjause und ersetzt oft Kekse oder Mehlspeisen. Bei mir findet er überdies als Nachspeise nach jeder Mahlzeit, sowie als willkürliche Zwischenspeise lebhafte Verwendung. Dies dürfte meinen Mitbewohner/innen nicht entgangnen sein, woraufhin man mir zum Geburtstag 90 (!)Alfajores geschenkt hat. Mehr als sechs Wochen hat es leider trotzdem nicht gereicht…


Dany Sahne: Es heißt natürlich nicht so, aber die Produkte vom Typus Dany Sahne sind ausgesprochen köstlich und die Auswahl an verschiedenen Sorten und Anbietern ist erstaunlich groß. Das optimale Zwischendessert, falls man den Alfajor wegen Überfüllung des Magens mit Empanadas ausnahmsweise eine Stunde aufschiebt.


Apfeltorte: Später werden wir noch feststellen, dass die Mehlspeisen die Stärke der Argentinier/innen nicht sind. Eine klare Ausnahme bildet da die argentinische Apfeltorte. Ganz anders als der Apfelstrudel, aber zweifelsfrei eine Delikatesse.


Picada: Die Vorspeisenplatte ist auch etwas Feines. In der bescheidensten Form mit Schinken, Käse und Oliven eine immer wieder gern gesehene Rettung, um bis 23:30 durchzuhalten. Da wird dann endlich warm zu Abend gegessen. Bei Festen und gemeinsamen Abendessen findet man mich pünktlich zu Beginn schon in der Nähe der Picada, der ich bis zum drei Stunden später stattfindenden eigentlichen Abendessen auch stets treu die Wache halte.


Cerveza Artesanal: Spezialbiersorten aus kleinen Brauereien sind wirklich fantastisch. Vor allem wenn es sich um Bier aus Patagonien handelt. Eine Region im Süden, wo irgendwelche versprengten Gruppen von Schotten und Deutschen ihre wohl konservierten kulturellen Fertigkeiten unter Beweis stellen.


Was ist weniger toll?

Abgesehen vom Spezialbier das ziemlich teuer ist, gibt es einige wenige argentinische Standardbiersorten, sie sehr wässrig und wenig voll im Geschmack sind (z.b. Quilmes). Das immer noch recht günstige belgische „Stella Artois“ hat sich daher zu meinem Standardbier entwickelt, was sich auf Grund meines äußerst regelmäßigen Konsums positiv in der Geschäftsbilanz der Brauerei – wenn nicht sogar in der belgischen Ausfuhrstatistik – niederschlagen dürfte.

Es gibt etliche Produkte die anders schmecken, ich habe keine Ahnung wieso. Vor allem Brot, Eier und Gemüse sind bei weitem nicht so geschmackvoll wie bei uns. Das glückliche Freiland-Hendl das aus der österreichischen Fernsehwerbung lugt, ist also möglicherweise mehr als ein Marketingschmäh.


Höchste Vorsicht ist bei Torten geboten. Optisch sind diese üppig bis kitschig, aber geschmacklich enttäuschen sie die Zunge jedes Menschen, der eine Wiener Konditorei schon von innen gesehen hat. Gemäß dem Motto Klotzen nicht Kleckern sind die Torten so mit Zucker und Fett aufmunitioniert, dass sie oft die Genießbarkeitsgrenze überschreiten. Dulce de Leche und fast nicht mehr legale Cremen quellen überall aus dem prachtvollen Monstrum. Statt des Schlagobers gibt es obendrein einen verhärteten Zuckerschaum, der den gefühlten Bombeneinschlag noch einmal potenziert. Dezent ist was anderes


Die legendäre Parilla, also der argentinische Grill, ist meiner Auffassung nach ziemlich überschätzt. Es besteht eigentlich nur darin Rindfleischtrümmer auf einen Holkohlegrill zu legen und abzuwarten. Sämtliche Raffinessen die bei uns selbstverständlich sind, begonnen bei der Marinade, gibt es nicht. Außerdem wird das Fleisch anders geschnitten, ist meiner Meinung nach zu flachsig und kommt geschmacklich letztlich nicht an heimische Barbequeues heran. Zum Glück gibt es aber bei jedem Parilla auch ein Chorcio am Grill, also die zu Beginn erwähnte köstliche Paprikawurst. Und noch etwas schmeckt gegrillt wirklich gut: die argentinische Blutwurst, genannt Morcilla.


Ein völliges Rätsel bleibt mir die Liebe der Argentinier/innen zu einer Süßspeise namens Dulce de Batata, einer Art Süßkartoffelgelee. Sie essen es übrigens mit einem geschmacklosen Weichkäse, was dann endgültig verstört.


Was fehlt?

Was einem als leidenschaftlicher Jausner am meisten fehlt sind Käse und Wurst. Vor allem für Leute wie mich, die trotz Jamie Oliver, neuem Rollenbild und Kochhype noch immer nicht kochen, ist das ein fundamentales Problem. Kauft man nämlich kein Essen auswärts, landet man automatisch bei der Jause. Wie ich in Wien erprobte, kann man sich von der Jause Wochen lang ernähren, Mittags sowie Abends. Man braucht dazu nur ca. alle drei Tage einen Sprung zum Hofer gehen, hat man einen Toaster genügt sogar einmal pro Woche. Bei der argentinischen Auswahl wird es allerdings ein bissl eintönig mit der Jause. Es gibt in Argentinien de facto zwei Käsesorten, eine weiche und eine harte. Beide kommen an den günstigsten Käse vom Hofer geschmacklich nicht heran. Auch die Wurst ist nicht so toll. Die Käse- und Wurstabteilung vom Billa kommt mir mittlerweile vor wie ein unglaubliches Delikatessenparadies und de facto ist sie das auch.

Der Hofer in der Brunnengasse war mein Stammgeschäft und ich fand die Kette immer schon viel besser als ihren Ruf. Hier wird mir klar, was für einen hohen Standard Hofer eigentlich hatte.

Trotz 5700 km Küste gibt es praktisch keinen Fisch. Die Ursache liegt im Eingangs skizzierten Essverhalten punkto Rindfleisch. Es bleibt für Fisch schlicht und ergreifend kein Platz mehr im Bäuchlein.

Was sonst noch fehlt: Es werden deutlich weniger Gewürze verwendet (in Restaurants steht Salz am Tisch aber kein Pfeffer, der hier sehr abgeht) Es gibt weder Feta noch Mozarella. Beim Eis fehlen die Nussorten, die ja eigentlich die besten sind. Ebenso fehlen Kekse, die bis auf einige wüstentrockenen Varianten nicht existieren.


Ein fundamentaler Bestandteil der Küche ist Pizza. Diese halte ich für okay. Sie ist zwar so von Käse und Fett überhäuft, dass man schon während des Essens und spätestens danach schwere Magenprobleme bekommt, aber geschmacklich gibt es immer wieder sehr gute Pizzen. Nicht-argentinische Latinos die in Buenos Aires leben belächeln die argentinische Küche und halten diese für nicht besonders. Böse Zungen unter ihnen meinen, außer Parilla, Pizza und Empanada hätte sie nicht viel zu bieten. Das ist vielleicht übertrieben, aber zu den großen Küchen der Welt zählt die argentinische – diplomatisch ausgedrückt – wohl nicht.

Montag, 30. November 2009

Die Zeit ist eine Tochter der...?

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Eine „Erstaunlichkeit“ (dieses Neologismus braucht man für Argentinien) die ich vergessen hatte zu berichten möchte ich jetzt nachholen:

Als ich im Jänner ankam war Sommerzeit. Dann wurde im März auf Winterzeit umgestellt. Im September brach – wie jedes Jahr – eine Diskussion aus, ob wieder auf Sommerzeit zurückgestellt wird. Argentinien hat sich dieses Jahr darauf nicht einigen können und bleibt bei der Winterzeit!

Samstag, 21. November 2009

Aufruf zur Fußgängerrevolte

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PARE, so heißt STOP in der argentinischen Höflichkeitsform. Das Schild dient an den Kreuzungen übrigens nur zur Zirde

Der aggressive Unterton im heutigen Eintrag versucht gar nicht erst sich zu verstecken. Dies ist nicht verwunderlich, weil es diesmal um den Verkehr in einer lateinamerikanischen 13-Millionen-Metroploe geht. Das geht zwar ohne Regeln, aber nicht ohne Emotionen.



Der Verkehr in Buenos Aires ist vor allem durch zwei Phänomene geprägt: Unfassbare Rücksichtslosigkeit und unfassbare Hektik. Wer sich brutaler verhält, setzt sich durch. Da Bluffen eine wichtige Rolle spielt, bremsen die Autos nie ab, auch nicht wenn man als Fußgänger/in irgendwo die Straße überquert. Damit signalisieren die Autos dass du divh verdammt noch einmal beim überqueren zu beeilen hast. Wie in allen Staaten denen man als eurozentristischer Chauvinist punktuelle Zivilisationsdefizite attestieren würde (eine überhebliche Herblassung, die mir in Momenten des Zorns manchmal einschießt), haben Fußgänger/innen in Buenos Aires keine Rechte. Zebrastreifen bedeutet nichts, wer selbige glaubt verwenden zu können wird vorher niedergehubt und nachher beschimpft. Weder Autos noch Busse haben Skrupel vor einer roten Ampel mitten am Zebrastreifen stehen zu bleiben. Motorräder rasen zwischen überquerenden Fußgänger/innen wie Irre hindurch. Auch Fußgängerampeln sind keine Garantie auf Sicherheit, vor allem abbiegende Fahrzeuge sind oft der Meinung in diesem Fall Vorrang zu haben.

Es gibt einen Haufen Taxis in Buenos Aires, sie sind hier schwarz-gelb. Taxis sind auch deshalb verhasst, weil sie – wenn leer – vor Kreuzungen immer auf 10 km/h abbremsen um keine Kunden zu verpassen. Das erregt den Zorn der anderen Autofahrer/innen.

Generell fahren die Portenos (so heißen die Einwohner/innen von Buenos Aires) mit Vollgas und Vollbremsung. Sie beschleunigen prinzipiell wie die Irren, fahren mit hoher Geschwindigkeit in die rote Kreuzung und bremsen dann wie verrück an der Ampel ab. Was das für Spritverbrauch und Fahrzeugabnutzung bedeutet kann man sich ausmalen. Für jeden Milimeter Vorsprung wird ein völlig überflüssiger Spurwechsel riskiert. Dabei schneidet man seinen Nachbarn natürlich bei hohem Tempo. Staut es sich hinter der nächsten Ampel schon, fährt man bei Orange selbstverständlich in die Kreuzung. Dass es gleich rot wird und die Querstraße damit total blockiert ist wird ohne Fingerzucken in Kauf genommen. Die Autobusse verhalten sich nicht anders als die PKW oder Motorräder. Besonders schlimm sind die Taxis. Sämtliche Gefährte machen einen Höllenlärm, wobei die alten Lastwagen und Autobusse nur noch von den auffrisierten Mopeden übertroffen werden, die – vorzugsweise nachts – mit ihrem ohrenbetäubenden Gedröhne die Luft zerreißen.


Der Colective Nr. 4 von meinem Balkönchen aus, mit Sicht auf die Kreuzung wo ich wohne, Urquiza und Garay. Mit diesem fahre ich jeden Tag in die Arbeit

Am gefährlichsten sind aber zweifellos die Colectivos, die Autobusse in Buenos Aires. Sie wurden in den 90er-Jahren privatisiert, jetzt ist jede der 180 Buslinien eine Privatfirma. Was ein profitmaximierender städtischer Personenverkehr bedeutet, wird im Folgenden ersichtlich: Die Busse sind zumeist mindestens 20 Jahre alt und hinterlassen immer eine Abgaswolke die jeden VÖST-Schlot staunen lässt. Sie sind vollgestopft mit Menschen, rattern ruckartig mit Höllenlärm durch die Stadt und bewegen sich wie pubertierende Autodromfahrer. Sie rasen bei Rot über die Ampel, überholen sich in engen zweispurigen Einbahnen gegenseitig, schneiden sich untereinander sowie andere Verkehrsteilnehmer/innen. Sie fahren schnell durch enge Gassen und verletzen bei ihren Manövern mit ihren Rückspiegel immer wieder einmal Fußgänger/innen die am einfach am Gehsteig gehen. Die Colectivos kommen in willkürlichen Rhythmen. Typisch ist, dass 15 Minuten keiner kommt und dann zwei auf einmal. Das Steilste was ich erlebt habe waren vier unmittelbar hintereinander. Kommen sie lange nicht, sind sie natürlich besonders überfüllt. Manchmal sind sie so voll, dass sie gar nicht stehen bleiben, was dann weitere 15 Minuten Wartezeit bedeutet. Die Busse bleiben – wie die U-Bahn – nur extrem kurz stehen, ein und aussteigen passiert halb im Fahren, manchmal wird man beim Einsteigen fast hinausgeschleudert, weil der Bus schon mit vollem Karacho losfährt, während man mit einem Bein noch am Asphalt steht. Wie alte Leute damit leben ist mir völlig unklar, man sieht wohl deswegen nur sehr wenige in den Öffis. Bei uns würden Charlie Blecher und Andreas Kohl ob solcher Zustände Volksbegehren, wenn nicht Volksaufstände initiieren.

Die Anzahl an Verkehrstoten ist extrem hoch, aber was soll ein Staat machen dessen Regeln prinzipiell ignoriert werden? Die an jeder Ecke stets gemütlich herumstehenden Polizisten von Buenos Aires kosten diese Zustände nicht einmal ein Achselzucken. Außerdem ist die Exekution von Strafen schwierig. Die Vernetzung zwischen den Behörden der einzelnen Provinzen ist schlecht. Es wird als Innovation gesehen wird, dass auch Nicht-Portenos die Verkehrssünden begehen demnächst abgestraft werden. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass mindestens die Hälfte der Verkehrsteilnehmer/innen aus der Provinz Buenos Aires (14 Mio. Einwohner/innen) und nicht aus Buenos Aires Capital Federal (3 Mio. Einwohner/innen) kommen, macht diesen Umstand besonders delikat.

Ein paar Taxis an meiner Kreuzung. Heute ist ein verregneter Samstag Nachmittag, daher ist relativ wenig los.

Da vom Staat nichts zu erwarten ist, setze ich auf Selbstorganisation und rufe zum zivilen Widerstand zwecks Disziplinierung motorisierter Verkehrsteilnehmer/innen in Buenos Aires auf. Meine Tipps:

Der konsequente Übersteiger: Ein Auto steht mitten am Zebrastreifen vor der roten Ampel, du hast grün. Geh nicht um das Auto herum, sondern steig über die Kühlerhaube

Die Temporegulierungs-Blockade: Ein Auto reduziert nicht das Tempo während man einen Zebrastreifen überquert, weil es kalkuliert, dass es sich ausgeht wenn man selbst einen Zahn zulegt. In diesem Falle empfehle ich breitbeinig und frontal zum Auto stehen zu bleiben um ein Abbremsen zu erzwingen

Der Reflextest: Ein Auto fährt zu schnell in eine Kreuzung mit Zebrastreifen, an dessen Rand man steht um zu queren. Mein Tipp: Das Auto durch einen ruckartigen angedeuteten Schritt schrecken und eine Bremsung provozieren.

Der Disziplinierungs-Kick:Weiters empfehle ich aufbindbare Stahlkappen für Front und Ferse zu kaufen. Alle Gefährte die einen am Zebrastreifen aus der Querstraße kommend schneiden oder hinten zu knapp auffahren, bekommen einen Tritt ins Blech (Motorräder nicht!). Vor allem Taxis.

Die Andeutung der Brandmarkung: Taxis die bereits mehrere Tritte im Blech haben sollte man zum Schein aufhalten, als wollte man ihre Transportdienstleistung in Anspruch nehmen. Beim öffnen der Tür empfiehlt sich ein Spruch wie „Marcardo“ (markiert), ehe man die Tür zuknallt und weitergeht. Das wird die ungeduldigen Taxler von Buenos Aires zur absoluten Weißglut treiben.

Die geduldige Verzögerung: Busse die es besonders eilig haben, kann man durch besonders langsames Ein- und Aussteigen eventuell ein bisschen Geduld beibringen. Vielleicht verliert man eine Zeitschrift in der Türe und muss sie umständlich aufheben.

Der beharrliche Free Ride: Sollte ein Bus wieder einmal willkürlich an einer Haltestelle nicht stehen bleiben empfehle ich – fall es sich ausgeht – bis zur nächsten roten Ampel zu laufen, dort auf die Einstiegsplattform (die 10 cm. Breite sind Platz genug zum Stehen) zu springen und sich an den äußeren Halterungen festzuhalten. Der Busfahrer kann wählen ob er die Tür gleich öffnet, oder du eben ein bisschen draußen mitfährst und bei der nächsten Haltestelle einsteigst.

Das Soli-Drücken: Auch von Innen kann man dieser Anhalte-Willkür des entgegenwirken, indem man – sobald sich abzeichnet dass er nicht stehen bleibt – solidarisch mit den draußen wartenden den Ausstiegsknopf drückt.


Der 32er hinterlässt immer eine feine Rauchwolke die durch mein offenes Fenster dringt um meinen Raum vollständig auszufüllen. Punkto Lärmpegel können Kreissägen bei ihm Nachhilfe nehmen. Er kommt alle zehn Minuten, manchmal beglücken mich gleich drei hintereinander.

Kürzlich habe ich mich über einen Autobus unfassbar geärgert, der mir während des Überquerens einer breiten Straße den Zebrastreifen blockiert hat um sich vor der roten Ampel ordentlich einzubremsen. Im Affektzorn habe ich ihm dem Fahrer und die Scheibe gehaut und siehe da er hat ein paar Meter zurückgeschoben und ich konnte gerade weitergehen. Es zahlt sich also aus sich zu wehren. Diese Kampfschrift an alle Fußgänger/innen von Buenos Aires werde ich irgendwann noch auf Spanisch übersetzen und auf roten Flugzettel in der Avenida Corrientes verteilen.

Mittwoch, 11. November 2009

Alle reden übers Wetter. Ich auch.

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Zu diesem Eintrag zeige ich eine Fotoserie von einem Wochenendausflug auf eine Insel im Delta des Rio de la Plata. Die zahlreichen Inseln grenzen unmittelbar an Tigre, den nördlichsten Ausläufer von Gran Buenos Aires an und sind bewohnt.


Für Auslands-Österreicher/innen gibt es online umfassende Möglichkeiten sich über Vorgänge in der Heimat zu informieren. Neben den Onlineausgaben der Tageszeitungen sind es vor allem die ZIB 2 und das Mittagsjournal, die einen via Internet auf dem Laufenden halten. Bei mir so wie bei anderen linksliberalen Exilanten-Kolleng/innen sehr beliebt ist auch das Publizistische Werken des Robert Misik in seiner Internet-Videosendung.

Der Hafen von Tigre. Sämtliche Personen- und Frachtboote zu Versorgung der Inselbewohner/innen legen hier an und ab. Die Personenboote gehen regelmäßig und sind quasi der Autobus für die Menschen auf den Inseln.

Die Anlegestelle an der Insel.

Die Sinnhaftigkeit im Rahmen einer heimischen Nachrichtensendung über das österreichische Wetter informiert zu werden ist hingegen enden wollend. Einen praktischen Zweck gibt es nicht und der emotionale Wert der Information speist sich eher aus der untersten Schulblade der tiefen Gefühlskiste. Schadenfreude wenn das Wetter in Österreich schlechter ist als hier, Genugtuung wenn es hüben und drüben regnet, Neid wenn es drüben besser ist als hier und Missgunst wenn in Wien und Buenos Aires die Sonne scheint. Außerdem wird man paranoid: Der diesjährige (österreichische) Sommer ist in meiner subjektiven Auffassung wesentlich besser ausgefallen, als die meisten Jahre zuvor. Trotz Unwetter. Der argentinische Winter hat sich ziemlich in die Länge gezogen (das bestätigen auch die weniger parteiischen Einheimischen). Nach vielen leidvollen Wintermonaten, die wesentlich kühler waren als ich erwartet hatte, kann ich jetzt endlich über einen – für argentinische Verhältnisse relativ späten – Frühsommerbeginn berichten. Während es in Wien schon so kalt ist, dass man bei Demonstrationen Hauben tragen muss haben wir 17 Grad. In der Früh, tagsüber 31. Hier ist nämlich gerade Mai. Es zeigt sich schon, diesem Blog-Eintrag wohnt ein gewisser boshafter Genuss inne….



Ein Schlösschen, das nun ein Museum ist.

In Häuschen wie diesen leben die Insulaner/innen

Vor einigen Monaten nannte ich den langen Sommer als einen von zehn Gründen um nach Buenos Aires auszuwandern. Dies möchte ich vollständig zurücknehmen. Sollte das kühle österreichische Klima ein Grund sein die Alpenrepublik für immer zu verlassen, kann ich Buenos Aires keinen Falls als Fluchtdestination empfehlen. Ein Onlineblick auf die hiesigen Wetteraufzeichnungen der letzten Monate wird sicher stark von dem abweichen was ich hier erzähle, das ist mir aber egal. Mir war so oft kalt, dass ich mich um keine ausgewogene Gewichtung meiner Erzählungen kümmere.



Das Häuschen ist das letzte von ca. zehn seiner Art und liegt ganz hinten auf der Insel

Buenos Aires bedeutet zu Deutsch ja quasi die Stadt der guten Lüfte. Tatsächlich unterscheidet sich die argentinische Metropole von Mexiko-Stadt etwa dadurch, dass die Luft nicht steht sondern alle paar Tage – wie von einem riesigen Ventilator – immer verblasen wird. Sprich, es gibt viel Wind. Das ist meistens sehr unangenehm, weil der Wind die gefühlte Temperatur deutlich kühler erscheinen lässt als sie ist. Das weiteren sorgt der Rio de la Plata dafür, dass es auch sehr oft feucht ist. Das zu einer Kombination von Wind und Feuchtigkeit, die einem die Kälte unter die Haut kriechen lassen. Besonders hervorheben möchte ich den 26. Oktober, ein Datum das ich mir als eingefleischter Patriot leicht merken konnte. An diesem Tag hatte es 20 Grad und der Himmel war wolkenfrei. Also fast schon das Maximum, was ein österreichischer Sommer zu bieten hat. Trotzdem war es, vor allem im Schatten, richtig kühl und niemand war ohne Jacke unterwegs. Der Wind und die Feuchtigkeit haben die Temperatur und die Sonne ausgestochen.


Mein Bekannter Lenius aus Kolumbien ist der Bewohner dieses Inselhäuschens, das er mit einem Pärchen teilt. Für sein Zimmerchen, Küche, WC und Riesengarten zahlt er nur 300 Peso (60 Euro) Monatsmiete.



Rückblickend muss ich sagen, dass die beiden richtigen Wintermonate (Juli und August) wesentlich angenehmer waren als die Übergangsmonate Mai, Juni, September und Oktober. In Juli/August gab es meiner Wahrnehmung nach wenig Regen, wenig Wind, viel Sonne und viele stabile Hochdrucktage. Die Temperatur erreichte meistens am Nachmittag 10 bis 15 Grad. Die Übergangsmonate waren nass, windig und kalt. Einmal gab es eine Kombination aus kühlen Temperaturen (sprich null Grad), Regen und Wind die als gefühlte Kälte an das schlimmste herankam was ich je in Österreich gefühlt habe.

Tatsächlich ist der Winter deutlich trockener als die Übergangsmonate. Achtung, dieses Klimadiagramm beginnt mit Juli. Zum Vergrößern anklicken.

Buenos Aires liegt einfach schon zu weit südlich, zu nahe an der Antarktis. Sieben Monate lang ist hier einfach definitiv nicht Sommer. Noch bedrückender ist, dass es an der ganzen 5000 km. langen argentinischen Atlantikküste nicht einen Ort gibt, der es im Sommer mit der Stabilität des Mittelmeerklimas aufnehmen kann. Es setzt sich – auch in den großen Sommerurlaubszentren wie Mar del Plata immer wieder ein kühler Polarwind durch, der sogar bis an die Küste der Provinz Buenos Aires Pinguine anschwemmen kann! Wer wettermäßig auf Nummer Sicher gehen will muss sich nach Nord-Brasilien, Kolumbien oder in die Karibik absetzen. Dort ist s wirklich immer warm. Angeblich.

Der Garten Eden. Er ist riesig und es gibt nicht nur sämtliche Früchte, sondern sogar Nussbäume.