Montag, 9. November 2009

Gebildetes Argentinien

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Athene (römisch Minerva), die Göttin der Weisheit. Ob der Standort der auf dem Foto abgebildeten Statue wirklich optimal gewählt wurde darf bezweifelt werden.

Anlässlich der Unistreiks in Österreich werde ich heute ein paar Worte zum Bildungsniveau in Argentinien verlieren. Als Ausgangspunkt möchte ich auf einen meiner Blogeinträge aus dem März eingehen, indem ich geschildert hatte, ich würde bei Taxi- und Kioskkonversationen als Notlüge manchmal behaupten aus „Alemania“ (Deutschland) zu sein um nicht umständlich erklären zu müssen, was Austria im Gegensatz zu Australia sei. Nun, das habe ich mir aus einem einfachen Grund abgewöhnt. Fast alle Argentinier/innen – auch jene die im Kiosk arbeiten – können irgendwas mit Österreich anfangen. Sie wissen zumindest wie die Hauptstadt heißt, können Österreich mit klassischer Musik assoziieren (so zuletzt ein Obdachloser (!) dem ich zwei Peso geschnorrt habe), waren gar vor zehn Jahren im Zuge einer Europareise selbst in Innsbruck oder haben sogar Vorfahren aus der Monarchie. Mein anfänglicher Eindruck war vor allem auch noch gefärbt von hier lebenden Ausländer/innen, die keine Ahnung hatten. Leute aus Australien, Kanada den USA, aber vor allem auch aus Westeuropa die mich gefragt haben, welche Sprache man in Österreich spreche. Überdies hatte ich die Erwartungshaltung, dass die Argentinier/innen vom Ausland so viel Ahnung haben wie die Amis. Das trifft überhaupt nicht zu. Gerade punkto in- und ausländischer geographischer Belange ist das Niveau der Allgemeinbildung erstaunlich hoch. Da man glaubt im Ausland sei alles besser als zu Hause, kennt man sich dort auch aus. Dieses Land, das sich so danach sehnen würde zur westlichen Gemeinschaft zu gehören, hat seine Idole genau studiert.


Jorge Luis Borges (1899 – 1986) gilt neben Julio Cortázar (1914 – 1984) als der wichtigste argentinische Dichter. Die surreale Atmosphäre seiner Kurzgeschichten erinnert mich am ehesten noch an Kafka.

Beispiel Sozialarbeiter/innen: In Phasen wo sehr wenig Kinder ins CAINA kommen (25 abwärts), stehe ich manchmal minutenlang in Wartehaltung bei meinem Essenausgabefenster. Diese Zwischenpausen vertreibe ich mir gelegentlich mit einem Buch, was die Neugier der angestellten (universitär ausgebildeten) Sozialarbeiter/innen weckt die sich dann unauffällig anpirschen. Lese ich Borges (auf Deutsch versteht sich, das ist schon anstrengend genug), erzählen sie mir im Detail seine Biographie, seine politische Einstellung, seine soziale Herkunft, welche Bücher er in welcher Lebensphase verfasst hat und wie er sich dabei jeweils von Cortazar (der zweite Nationaldichter) unterscheidet. Lese ich etwas über Bernstein (deutscher reformistischer Sozialdemokrat der Jahrhundertwende), entsteht eine Diskussion in der X Kautsky und Lenin vergleicht, Y mir erzählt sie sei neun Jahre lang politisch aktiv gewesen und kenne Bernstein aus diversen Diskussionen und Z über das Genie Marx und sein Werk „Das Kapital“ schwärmt, welches er sich gerade in einem Lesekreis mit Studienkollegen aneignet.

Beispiel Reinigungskräfte: Nicht nur die Akademiker/innen im CAINA verfügen über eine profunde Allgemeinbildung, auch ein Mitglied des Putzpersonals erstaunt mit umfassenden Kenntnissen über Mozart Klavierstücke, die er zu Hause auch gerne selbst spielt. Er kennt auch sämtliche andere Komponisten, deren Werke und deren Lebensgeschichte.


Im zeitgenössischen Tanz werden oft gesellschaftspolitische Themen verarbeitet. Viele Leute die Ballett tanzen, tanzen auch zeitgenössisch und viele Leute die zeitgenössisch tanzen, interessieren sich auch für gesellschaftliche Fragen.

Beispiel Tanz: Es mag ein Zufall sein, aber mehrere Tanzkolleginnen zwischen 20 und 25, deren Traum es ist bei irgendeiner wichtigen Tanzkompanie im Bereich Ballett oder Zeitgenössischem Tanz unterzukommen (oder das sogar schon geschafft haben), sind gegen jedes Vorurteil nebenbei Studentinnen der Politikwissenschaft, umfassend informiert und an gesellschaftlichen Fragen sehr interessiert. Diskussionen darüber wieso der Nationalsozialismus im protestantischen Teil Deutschlands besser Fuß fassen konnte als im katholischen ergeben sich genauso wie Debatten über das Menschenbild bei Nietzsche (denen ich mangels eigener Kenntnis als erstaunter Zuhörer beiwohne).

Beispiel Haus: In meinem Haus wohnen derzeit drei Argentinier/innen und drei Europäer/innen. Außerdem gibt es noch einige Freunde des Hauses, die Argentinier/innen sind ausnahmslos alle sind politisch interessiert, wenn nicht gar selbst engagiert sowie auffallend informiert und gebildet. Teilweise im klassischen Sinne, weil sie sich mit Philosophie oder politischer Theorie beschäftigt haben. Teilweise aber auch einfach reich an spezifischem Allgemeinwissen. Etwa die Akzente und Dialekte in Argentinien und Lateinamerika betreffend. So werden die Zusammenhänge zwischen dem Napoletanischen (das sich vom italienischen sehr unterscheidet) und dem Lunfardo (dem Dialekt von Buenos Aires) genau geschildert. Sie kennen aktuelle Details der städtischen Kommunalpolitik, die Geschichte der Kolonialisierung Argentiniens und der verschiedenen Migrationswellen haben sie ebenso auf Punkt und Beistrich intus wie die politische Geschichte des Landes seit der Epoche Perons zur Mitte des 20. Jh. Ihr Interesse und ihr Wissen verunmöglichen es, dass der Gesprächsstoff jemals ausgehen könnte.


Der aus Uruguay stammende Eduardo Galeano, einer der großen Intellektuellen Lateinamerikas hat 1971 die in zahlreiche Sprachen übersetzte Ausbeutungs- und Kolonialgeschichte „Die offenen Adern Lateinamerikas“ verfasst.

Beispiel Diskussionszirkel: Großen Eindruck hat auf mich auch ein Diskussionszirkel eines befreundeten Philosophiestudenten gemacht. Es handelt sich dabei um besonders interessierte Leute, die sich alle zwei Wochen treffen um soziologische oder politische Texte zu diskutieren. So etwas mag es in Wien auch geben, was mich dann aber doch sehr erstaunt hat war wie unfassbar profund und unglaublich breit das Bildungsniveau dieser Gruppe aus fertigen oder fast fertigen Soziologen, Historikern, Juristen und Philosophen (alle Gruppenmitgliede waren männlich) war. Detaillierteste Kenntnisse der europäischen und amerikanischen Geschichte, sämtlicher politischer, soziologischer und ökonomischer Theorie, der Philosophie, der Literatur etlicher Sprachen (Proust, Kafka, Orwell etc.) und der Geographie im globalen, sowie im kleinsten Detail (Welche Straßen begrenzen die 48 Bezirke von Buenos Aires!) hatte ich in dieser Intensität vorher noch nie gesehen. Obwohl weder Ökonomen noch Sozialdemokrat/innen dabei waren (die Gruppe bestand aus Linksperonisten und Liberalen), hatten die Anwesenden exakte Vorstellungen über Keynes und Hayek genauso wie über Bebel oder Hilferding. Was man noch bedenken muss: Die Gruppe kannte nicht nur sämtliche Gedanken der europäischen Geistesgeschichte. Alle diese Leute haben detaillierte Kenntnisse über die sozialwissenschaftlichen Diskurse Lateinamerikas. Die politische Situation und Geschichte aller lateinamerikanischen Staaten, die ideologische Welt des Peronismus, die Theologie der Befreiung, der Pädagogik der Unterdrückten, die Dependenztheorie eines Galenos („Die offenen Adern Lateinamerikas“), all das kennen die Leute aus dem Effeff. Es bedeutet letztlich, dass sie doppelt gebildet sind, europäisch und lateinamerikanisch. Meine Kenntnisse der europäischen Geistesgeschichte kommen an jene dieser Gruppenmitglieder nicht heran. Die lateinamerikanische kenne ich überhaupt nur fragmentarisch. Obwohl viele dieser Leute aus ökonomischen Gründen Argentinien noch nie verlassen haben, sind sie echte Weltenbürger.




Überhaupt habe ich von Anfang an festgestellt, dass die Studierenden in Buenos Aires nicht nur gesellschaftspolitisch deutlich interessierter sind als die unsrigen (Unibesetzungen gibt’s hier monatlich, oft auch in Solidarität mit Arbeitskämpfen die mit der Uni nichts zu tun haben), sondern vor allem auch deutlich gebildeter. Das geht natürlich Hand in Hand. Wie stark politisches Interesse und Allgemeinbildung korrelieren, wird mir erst hier richtig bewusst. (Mein sehr subjektiver Begriff von Allgemeinbildung schließt alle Bereiche die mich wenig interessieren – naturwissenschaftliche, medizinische, technische Kenntnisse etc. – nicht ein.) Ideologie kann zwar – v.a. wenn der Wunsch Vater des Gedanken wird – Erkenntnis stark vernebeln, sie ist aber auf der anderen Seite oft ein intensiver Antrieb, wenn nicht der Schlüssel um sich Erkenntnisse anzueignen. Das gilt für Vollblutideologen aller Couleurs. Hochgebildete ideologische Überzeugungstäter aus dem Bereich der Ökonomie sind beispielsweise Karl Marx oder Josef Alois Schumpeter. Über die deutlich stärkere Politisierung der Gesellschaft und der Studentenschaft in Argentinien werde ich noch einmal einen eigenen Eintrag verfassen.


Universidad de Buenos Aires, Facultad de Ciencias Económicas

Wieso die Studierenden (der Sozial- und Geistswissenschaften) meiner Auffassung nach deutlich besser ausgebildet sind als in Wien, habe ich in einem BLOG-Eintrag meiner SPÖ-Sektion kürzlich zum Besten gegeben: Augenmerk auf die Lehre

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Die Arbeit im CAINA (Teil 3)

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Hier ein paar der entzückenden, handzahmen, höflichen und in jeder Hinsicht zuvorkommenden Besucher/innen des CAINA.

Diesen Eintrag über das CAINA (mein Straßenkinderheim) möchte ich mit einer kleinen Anekdote beginnen. Ein Bursche von 17 Jahren saß kürzlich beim Mittagessen im CAINA neben mir. Als ich ihm auf Nachfrage erklärte, dass ich aus „Austria“ sei, kam nicht die Standardantwort „Ahhh, Australiano?“, sondern zu meiner großen Überraschung die Frage ob ich aus „Viena“ käme. Ich bejahte dies, worauf mir der junge Herr auf Deutsch einen „Guten Tag“ wünschte. Es gibt viele Menschen in Argentinien die Hallo, Dankeschön, Guten Tag oder Tschüss sagen können, aber für gewöhnlich sind das keine Straßenkinder. Ob meiner sichtlichen Erstauntheit erklärte mir der Bursche, dass seine Nachbarin Wienerin gewesen sei. Ich stelle ihn sofort auf die Probe, er konnte ohne Probleme Servus, Bitte und Danke auf Spanisch übersetzen. Es stellte sich heraus, dass die Frau – eine alte Dame – bereits vor einigen Jahren verstorben war. Sie hatte mehrere Jahre neben der Wohnung der Familie des Burschen gelebt und ausschließlich Deutsch mit ihren Nachbarskindern gesprochen. Diese waren jung, aufnahmefähig und hatten offensichtlich passiv einiges verstanden. Wir identifizierten noch ein paar Wörter, bis er mir sagte, sie habe stets einen Satz laut ausgesprochen, wenn es schlecht roch. Ich bat ihn gespannt mir selbigen wiederzugeben und hörte mit vorerst ungläubiger Fassungslosigkeit folgende Laute: „Pfui Deife“

Luis ist sozusagen mein bester Freund unter den Kids, leider wurde er 19 und darf jetzt nur noch einmal pro Monat zu Besuch kommen. Er ist zweifacher Vater mit zwei verschiedenen Mädchen. Mit der 17-jährigen Maria die im September ein Töchterchen von ihm bekommen hat, lebt er jetzt auch mehr oder weniger zusammen.

Es hat mich vor Lachen fast vom Sessel geworfen. Auf die Bitte mehrer anwesender Sozialarbeiter/innen zu erklären was mich so belustige konnte ich nur auf die Unerklärbarkeit dieser Komik verweisen. Wie soll man einer Person die nicht aus Österreich kommt, geschweige den Deutsch spricht das Kuriosum erläutern, von einem 17-jährigen argentinischen Straßenkind in einem Tageskinderheim in Buenos Aires einen dermaßen ur-österreichischen Ausspruch entgegengeschleudert zu bekommen? Wie originell „Pfui Deife“ sowohl im Klang, als auch mit seiner typisch österreichischen Verniedlichung – die in diesem Falle sogar vor dem Satan nicht Halt macht – eigentlich ist wurde mir erst durch dieses Erlebnis klar. Da der Ausspruch heute in Österreich nicht gerade zum Standardrepertoir des Jugendslang der späten 2000er-Jahre gehört, habe ich für mich beschlossen ihn ob seines spezifischen Witzes bewusst in meinen aktiven Wortschatz zu integrieren. Die alte störrische Wienerin, die sich – wie viele Menschen aus ganz Europa (vor allem die Italienerinnen) – bis zum Schluss geweigert hat ihre Muttersprache abzulegen, hat es sich verdient ihren antiquierten aber großartigen Ausdruck nicht aussterben zu lassen.

Kenntnisse der Geographie finde ich - wie dem aufmerksamen Teil meiner Leser/innen EVENTEULL schon aufgefallen ist - besonders wichtig. Daher habe ich dem CAINA zwei Landkarten mit zwei Erdteilen geschenkt, die zufällig mit jenen übereinstimmen die mich besonders interessieren. Dafür kann man jetzt Geographie-Ratequiz machen.


Der heitere Einstieg ist in Wirklichkeit nur ein Köder für diesen recht stark statistisch unterminierten Artikel. Vielen Volkswirt/innen sind Statistiken ja lieber als jeder Erklärungstext, für den weniger auf Zahlen fokussierten Teil der Leserschaft habe ich den Grafiken jedoch einige kompakte Erklärungen hinzugefügt, die wie saftige Bratenhäppchen ganz sanft auf der Zunge zergehen.

Erst einmal möchte ich zwei Herren vorstellen, die für eine Privatfirma im städtischen Dienst jeden Tag ins CAINA kommen und Lebensmittel bringen. Der eine älter, der andere jünger, aber beide kräftig, bärtig und etwas verschwitzt, was mich und die Köchinnen nicht davon abhält sie jeden Tag mit dem obligatorischen Wangenküsschen und einem „hola amigo“ – wir kennen uns ja nicht beim Namen – zu begrüßen. Die beiden Herren haben eine Liste, mit 14 „Comedores“ (öffentliche Küche) der Zone Südost, die sie jeden Tag beliefern. Ihr nicht zu verachtender Körperumfang lässt darauf schließen, dass sie auch in den anderen 13 Comedores – so wie bei uns – ein kleines Imbisshäppchen verschlingen.

Rosa und ich beim Abwaschen. Rosa kommt aus Lanus im südlichen Vorortegürtel. Nach der Arbeit im CAINA schuftet sie im Pizzalieferladen ihres Mannes. Ebenso an den Wochenenden. Einen freien Tag hat Rosa nie.

Die beiden haben mir mitgeteilt, dass es in ihrer Firma insgesamt acht „Camiones“ (Lastautos) gibt, sowie vier weitere Firmen die Lebensmittel für öffentliche Einrichtungen ausliefern. Angenommen die anderen Firmen haben auch acht Camiones und beliefern 14 Comdores, ergibt eine grobe Überschlagsrechnung, dass die Stadtregierung an rund 560 Orten öffentlich warmes Essen ausgibt, inklusive Spitäler, Horte etc. Einen städtischen Beamten der kürzlich zur Kontrolle der Lebensmittellieferung kam habe ich gefragt, wie viele dieser Orte dezidiert der Armenausspeisung dienen. Er sagte alles zusammen (Kinder, Kleinkinder, Alleinerzieherinnen sowie normale Comedores für jedermann) seien es mindestens 300. Das ist auf den ersten Blick für die Bundeshauptstadt ohne Vororte (ca. 3 Millionen Einwohner/innen) gar nicht so wenig, allerdings stehen dem alle Menschen gegenüber die in Buenos Aires im Elend leben. Das sind nach meinen bisherigen Informationen, Einschätzungen und Erfahrungen nicht mehr als fünf Prozent der Bevölkerung. Das stimmt auch mit der für 2008 geschätzten Zahl von 167.000 Menschen die in „Villas“ (Elendsviertel) leben recht genau überein. Natürlich sind nicht alle Menschen in Villas auf die öffentliche Ausspeisung angewiesen, trotzdem kämen gemäß dieser Zahlen auf jeden Comedor rund 550 Menschen. Ausgehend vom CAINA rechne ich dass pro Comdedor durchschnittlich weniger als 50 Menschen täglich essen (2008 waren es im Schnitt 40). Diese Zahl ist weit entfernt von 550, allerdings kommen nicht immer die gleichen Leute. In den letzten Jahren suchten jährlich rund 1000 verschiedene Kinder das CAINA auf. Wenn wir diese Zahl als Richtwert auf alle angenommenen 300 Comedores hochrechnen, stehen den 167.000 Bewohner/innen von Elendsviertel rund 300.000 Menschen gegenüber, die zumindest einmal jährlich an einer öffentlichen Ausspeisung teilnehmen. Ich betone nochmals, dass es sich hier um Einschätzungen und Daumen mal π-Rechnungen handelt, aber zumindest die Größenordnungen scheinen mir recht plausibel.

Die Anzahl von Mädchen auf der Straße und im CAINA steigt. Das ist nicht nur ein schlechtes Zeichen, es heißt auch, dass sich weniger Mädchen Gewalt und sexuellen Missbrauch, vor allem von ihren Vätern, gefallen lassen.

Im Folgenden sichten wir einiges an statistischem Material, das sich unmittelbar auf das CAINA bezieht. Im Jahr 2008 besuchten durchschnittlich 40 Kinder pro Tag das CAINA, insgesamt kamen von Jänner bis September 779 verschiedene Kinder. Die Daten für 2008 gehen aus mir unerklärlichen Gründen nur bis September, insgesamt werden es im Vorjahr wohl rund 1000 Kids gewesen sein. Aus Tabelle 1 geht hervor, dass das Aufsuchen des CAINA (das seit 1992 existiert) sehr stark konjunkturabhängig ist. Die soziale Situation spitzte sich schon vor der Krise zu und führte zwischen 1997 und 2001 zu einer Verdoppelung der Kinder die das CAINA aufsuchten. Nach der Zusammenbruch 2001 stieg die Anzahl nochmals um 50% auf den bisherigen Rekordwert von 1438 Besucher/innen im Jahr 2003. In den wirtschaftlich prosperierenden Folgejahren nimmt der Zustrom wieder deutlich ab. Unabhängig von der Konjunktur zeigt sich, dass die Besucher/innen des CAINA deutlich weiblicher wurden und ihren Anteil von 1997 bis 2008 um fast zehn Prozentpunkte von 15,3 auf 24,5 Prozent steigerten. 2006 lag ihr Anteil sogar bei 28,5 Prozent.

Tabelle 1: Gesamtzahl der versorgten Kinder pro Jahr sowie Geschlechtsstruktur


Die Alterstruktur der Kinder ist in Tabelle 2 aufgeschlüsselt, auch hier zeigt sich ein konjunkturunabhängiger Trend. Das Durchschnittsalter der Kids die das CAINA besuchten stieg von 1997 bis 2008 von 14,4 Jahre auf 15,4 Jahre um exakt ein Lebensjahr an. Das ist ein massiver Anstieg, in der Tabelle ist auch aufgeschlüsselt dass es vor allem die 16 bis 18-jährigen sind, die zugenommen haben, während die 12 bis 15-jährigen deutlich weniger wurden.

Tabelle 2: Altersstruktur der Kinder

Interessant ist auch wo die Kinder ihren letzten Wohnort angeben, dies ist in Tabelle 3 aufgeschlüsselt. So gut wie alle Kinder wohnen in Buenos Aires Capital Federal (ohne Vorstädte). Den größten Brocken (13%) macht der ursprünglich arme, aber touristisch und künstlerisch immer mehr durchsetzte Schick-Bezirk San Telmo aus, an dessen Grenze sich auch das CAINA befindet. Gefolgt von Retiro (12%), einem ganz zentral gelegenen Bezirk der neben besonders noblen Wohngegenden auch die Villa 31 beherbergt, das größte Elendsviertel des Zentrums. Danach folgt der als besonders gefährlich geltende Bezirk Constitución (9%), der im Westen unmittelbar an San Telmo angrenzt.

Tabelle 3: Letzter von den Kindern angegebener Wohnort

Ein völlig anderes Bild ergibt sich, wenn man schaut wo die Kinder ursprünglich herkommen. Sie leben zwar de facto alle in Capital Federal (ohne Vororte, 3 Millionen Einwohner/innen), kommen aber vorwiegend aus dem 10-Millionen Einwohner/innen starken Vorortegürtel (Gran Buenos Aires). 2008 kamen nur 7,7 Prozent der Kids ursprünglich aus Capital Federal, aber 81,7 aus dem Vorortegürtel. Dabei führen interessanterweise die sehr weit außen liegenden Randbezirke des buenosairschen Agglomerationsmonsters, nämlich Quilmes (Süden) und Moreno (Westen). 7,7 Prozent kamen aus weiter entfernt liegenden Teilen der Provinz Buenos Aires, 2,8 Prozent aus dem „Interior“, also aus Provinzen außerhalb der Provinz Buenos Aires. Nur 0,1 Prozent, sprich nur eine einzige Person aus außerhalb Argentinien. Obwohl es geschlossene bolivianische und peruanische Stadtviertel gibt, habe ich noch kein einziges völlig indigenes Kind im CAINA angetroffen (die Mehrzahl der Kids hat allerdings irgendeinen nicht-europäischen Einschlag). Wo die Kids der meist auch im oder am Rande des Elend lebenden Migrant/innen hingehen weiß ich nicht, ins CAINA jedenfalls nicht.

Noch eine Gegebenheit scheint mir interessant. Meine Lieblingsköchin Maria lebt in La Boca, jenem Stadtteil der neben dem vielleicht berühmtesten Fußballklubs Argentiniens auch etliche soziale Probleme beheimatet. La Boca liegt ganz am Südostrand der Hauptstadt und gilt als besonders gefährlich, obwohl es oder keine Villa (Slum) gibt. Maria ist 39 und wurde kürzlich Großmutter. Ihr 17-jähriges Töchterchen hat ein Baby bekommen. Das ist nichts außergewöhnliches für das soziale Umfeld in La Boca, an dessen unmittelbarer Grenze das CAINA liegt. Auch die Kinder im CAINA kann das nicht verwundern, sind doch etliche 17-jährige Mädchen Stammgäste die bereits doppelte Mütter sind. Auch Celia aus der „Roperia“ (Gewandabteilung) lebt in La Boca, ebenso wie Nora. Letztere arbeitet erst seit ein paar Jahren im CAINA, ihr 22-jähriger Sohn der jetzt als Pizzalieferant beschäftigt ist kennt den Laden schon wesentlich länger. Er war selbst sechs Jahre lang Straßenkind. Worauf ich hinaus will ist der Umstand, dass die Straßenkinder offenbar nicht ausschließlich aus den Villas (Slums) kommen, sondern ihre Gewohnheiten und Lebenswesen mit fließenden Grenzen bis tief in die Arbeiterschicht verankert sind.

Damit man mich von den Kindern unterscheiden kann trage ich Bart und Hemd. Täte ich das nicht, man hielte mich in CAINA ob meines jugendlichen Aussehens für ein „chico de la calle“ und ich dürfte die Küche – meinen Arbeitsplatz – gar nicht betreten.

Zum Abschluss noch eines der Lieder, die quasi täglich im Caina gespielt werden: Quiero ser tu amigo nada más

Montag, 19. Oktober 2009

Was ist amerikanisch an Argentinien?

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Amerikanisch ist ein schwieriger Begriff. Die Menschen in Argentinien sind zu Recht angefressen, wenn man von Amerikaner/innen spricht, und die USA meint. Immerhin leben 2/3 der 900 Millionen Amerikaner/innen nicht in den Vereinigten Staaten. Das sollten US-Bürger/innen und Europäer/innen eigentlich bei ihrem Sprachgebrauch berücksichtigen. In Argentinien gibt es neben dem tendenziell abwertenden „Yankees“ (argentinisch: „Schankies“) zwei wichtige Begriffe für die US-Bürger/innen. Das sehr treffende „estadounidense“ und das aus der Sicht Mexikos und Kanadas auch nicht ganz gerechtfertigte „norte americano“.

Mit der Fragestellung „Was ist amerikanisch“ an Argentinien meine ich auf den ersten Blick „US-amerikanisch.“ Es gibt aber durchaus Parallelen, die wohl für mehrere Staaten Amerikas zutreffen und daher so etwas wie „amerikanische Gemeinsamkeiten“ konstituieren. Dazu aber noch später. In Folge vergleiche ich die einzigen beiden amerikanischen Staaten, die ich persönlich kenne. An anderer Stelle habe ich bereits über die bewusste kulturelle Abwehrhaltung Argentiniens gegenüber den USA berichtet. Trotzdem teilen die beiden Nationen einige Gemeinsamkeiten. Welche aus europäischen Augen gesehen „amerikanischen“ Charakteristika finden sich also auch in Argentinien:


Die Distanzen: Eine dreistündige Autofahrt von Wien nach Salzburg ist für unsereins eine Reise. Anders in den USA und Argentinien, hier sind achtstündige Autofahrten um am Wochenende die Oma zu besuchen keine Besonderheit. Wenn ich erzähle, dass die nächstgelegene Hauptstadt von Wien nur 50 km. entfernt liegt, sind die Menschen einigermaßen fassungslos. Überhaupt ist von Wien aus gesehen vieles für amerikanische Verhältnisse extrem nahe:

Bratislava: 50 km
Budapest: 200 km
Prag: 250 km
München: 350 km
Venedig: 450 km
Berlin: 500 km
Mailand: 600 km
Paris: 1.000 km
Kiew: 1050 km

1.000 km entspricht der Strecke Buenos Aires – Mendoza. Damit hat man nicht einmal noch das Land von Ost nach West durchquert. Von den USA ganz zu schweigen, 1.000 km von New York erreiche ich nicht einmal Chicago. Keine Sorge, die Distanzen sind das einzige Element meiner Aufzählung, das von Google earth unterminiert wurde, die weiteren Beispiele kommen ohne geographische Details aus.




Der Platz: Direkt mit den Distanzen geht der Umstand einher, dass unfassbar viel Platz besteht, der trotz exzessiv großzügiger Nutzung bei weitem nicht verwendet werden kann. Was die typischen Postkartenansichten von Buenos Aires verschleiern ist die Tatsache, dass der Großteil von Capital Federal (Hauptstadt ohne Vorstädte) aus ein- bis zweigeschossigen Häusern besteht. An der Ostseite und bis hinein in die geometrische Stadtmitte gibt es viele mehrstöckige Bauten und Hochhäuser. Der gesamte Rest sieht aus wie eine Kleinstadt die kein Ende nimmt. Wenn in der Hauptstadt schon so mit Platz geurasst wird, kann man sich vorstellen, wie es in kleineren Städten und in Dörfern aussieht. Dort ist alles sehr großzügig angelegt, im Dorf steht nicht Haus neben Haus sondern Garten neben Garten. Es ist erstaunlich, dass das Hochhaus vor über 100 Jahren in (Nord)amerika seine Erfolgsgeschichte begann. Eigentlich wäre diese Bauweise im dicht besiedelten Europa viel zweckmäßiger.

Abgesehen vom Osten und der Mitte sieht Buenos Aires über Quadratkilometer so aus. Wie ein Derfel.


Die Freiheit: Die Distanzen und der Platz bedeuten natürlich ein Freiheitsgefühl und auch eine real existierende Freiheit, die es in Europa de facto nicht gibt. Die hohe Bevölkerungsdichte bei uns erfordert auch in ländlichen Gebieten ein komplexes Regelwerk, dass das Zusammenleben von vielen Menschen auf wenig Raum ordnet. In Österreich gibt es z.B. nur ein paar Hektar bewusst erhaltenen Urwald. 99% der Flächen sind Kulturlandschaft, also vom Menschen kontrolliert und verwendet. Bei uns ist jedem Quadratmeter Land ein behördlich kontrollierter Nutzen zugeordnet. Wo man Gehen, Reiten oder Mountainbike fahren darf ist exakt reguliert. Wie die Dachneigung aussehen muss um das Ortsbild nicht zu verschandeln ist ebenso vorgeschrieben wie die exakte Mülltrennung (zumindest in NÖ). Was die Landwirte anbauen wird von der EU per Satellit kontrolliert. Anders in Argentinien (und in den nonurbanen USA): So wie man sich die Route 66 vorstellt, so sieht auch der Großteil Argentiniens aus. Es ist die einsame Freiheit, die man in US-Roadmovies erahnt, ein Gefühl, das sich wahrscheinlich am besten auf Trucks oder Motorrädern erleben lässt. Dort wo fast nichts ist, gibt es auch fast keine Regeln. Weit weg von staatlichen Autoritäten sind Verkehrsregel, Bauordnung oder Waffengesetz überflüssig. Ob ich dort draußen reite, schieße, segelfliege, paragleite, mit 180 km/h rase, eine Blechhütte aufstelle, meinen Giftmüll vergrabe, einen Joint rauche oder nackt über meinen Acker laufe, ist einfach egal. Die Kehrseite dieser Freiheit ist natürlich der Umstand, dass das Faustrecht in solchen Gegenden eine größere Rolle spielt als in urbanen Gebieten. Ich kann diese Mentalität nur versuchen zu erahnen, aber die Cowboy-Redneck-Republikaner-Waffenlobby-Identität dürfte eng mit dieser Auffassung von Freiheit zusammenhängen.


Der Gaucho (argentinischer Cowboy) als Symbol für Freiheit und Wildheit weitab der Zentren der Zivilisation.


Die Rinder: Argentinien führt im Rindfleischkonsum mit Abstand vor Australien und den USA. Ich weiß nicht ob es mit der unendlichen Weidefläche zu tun hat, dass Rinder und vor allem das Rindfleisch in den USA und in Argentinien eine wesentlich größere Rolle spielen als bei uns. Jedenfalls ist der Fleischkonsum in beiden Staaten höher als in Europa und Rind das mit Abstand wichtigste Fleisch. Der Rindfleischkonsum betrug in Argentinien in den 1970er-Jahren unfassbare 90 kg pro Kopf (250 Gramm täglich!), heute ist er auf 70 kg gesunken. In Argentinien ist „Carne“ (Fleisch) gleichbedeutend mit Rindfleisch, Schweinefleisch spielt eine total untergeordnete Rolle.

Die Schachbrettstädte: Was Wiener Neustadt schon im Mittelalter vorexerzierte, haben die Städte Amerikas in der jüngeren Neuzeit exakt durchgezogen. Die Städte Argentiniens – allen voran Buenos Aires – sind schachbrettartig angelegt. Das ist ein triftiger Grund nicht in Amerika zu leben. Es gibt keine Plätze, keine Gasserln, kaum Diagonalstraßen und somit wenig Dreieckshäuser im spitzen Winkel zweier Straßen. Überdies ist der Autoverkehr unerträglich dominant, als wäre das Verkehrskonzept ausschließlich aufs Auto ausgerichtet. Jede vierte Straße ist eine fünf- der mehrspurige Riesen-Avenida Natürlich gibt es keine Straßenbahn sondern nur dröhnende Autobusse. Sämtliche Dörfer und Städte Argentiniens sind schachbrettförmig angeordnet. Schachbrettstädte mögen – so wie New York oder Buenos Aires – großartig und beeindruckend sein. Ihnen fehlt aber das lieblich-verspielte. Wer sich in Städten vom Typus Florenz, Salzburg oder Brügge so richtig wohl fühlt, wird es in Amerika schwer haben mit dem Stadtbild warm zu werden.

Die Ausnahme von der Regel: Die Lieblingsstraße in meinem Viertel heißt Calle Oruro. Ich mag sie weil sie klein ist, gepflastert, weil keine (5000 Dezibil) Autobusse durchfahren, aber vor allem weil es eine Diagonalstraße ist.


Das ist mein Stammcafé. Obwohl die „Media Lunas“ (Kipferl) immer alt schmecken komme ich hier her. Vor allem weil es am Eingang der Calle Oruro liegt und in einem von mir geliebten Dreiecksgebäude untergebracht ist. Links in der Ecke der Kiosk, wo ich immer mein Argentinisches Tageblatt kaufe



Der Individualverkehr: Genauso wie die Stadt Buenos Aires eine Autostadt ist, kann man ganz Argentinien als Autoland bezeichnen. Auch wenn es noch nicht überall Autobahnen gibt, die Überlandstraßen sind perfekt asphaltiert und es gibt keine Schlaglöcher. Die gewaltigen Trucks sehen aus wie in den USA und die Spritpreise sind – auch wegen eigener Off shore Erdölförderung – sehr niedrig. Überdies ist das Eisenbahnnetz ähnlich wie in den USA nur mehr rudimentär vorhanden. Hat man kein Auto, reist man im Mikro (Überlandbus).

Die Wertigkeit alter Bausubstanz: Altbauten (alt bedeutet in Argentinien Gebäude aus der Jahrhundertwende 1900) haben keinen besonders hohen Stellenwert in Buenos Aires. In Wien lebt man hingegen am liebsten in einem sanierten Altbau, modernere Hochhausanlagen befinden sich meist in Randlagen und haben einen geringeren sozialen Statuts. So etwa Gemeindebauten, vor allem jene die nach 1945 erbaut wurden, in jenen Jahrzehnten als Funktionalität das einzig relevante Kriterium war und so hässlich gebaut wurde wie nie zuvor. In Buenos Aires sind die modernen Hochhäuser zentraler gelegen und optisch ansprechender als jene in europäischen Vorstädten. Sie gelten als sehr schick. Die zwei oder sogar nur eingeschossigen Altbauten sind oft heruntergekommen und nicht sonderlich beliebt. Der bautechnisch alte Süden der Stadt ist tendenziell arm bis prekär, während der bautechnisch modernere Norden wohlhabend bis elegant ist. Noch immer werden alte ein bis zweigeschossige Häuser abgerissen um ein modernes Hochhaus zu errichten. Natürlich ist es unfassbar viel profitabler auf der gleichen Grundfläche ein Hochhaus anstatt eines 2-Familienhauses stehen zu haben. Die Margen öffnen der Korruption Tür und Tor. Das Denkmalamt mag die mächtigste Behörde Roms sein, in Argentinien hat es wenig zu melden. Auch in den USA hat sich die Liebe zur „alten“ Bausubstanz seit je her in Grenzen gehalten. Amerika ist im Bezug auf seine architektonische Geschichte sehr pragmatisch.

Hier ein paar eingeschossige Altbauen in meiner Straße (Urquiza), wie gewöhnlich ziemlich heruntergekommen.


Die bewachten Wohngegenden: Wie in den USA gibt es in Argentinien Wohngegenden die mit Stacheldraht umzäunt sind, die von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht werden und deren Zufahrt nur durch eine mit Schranken gesicherte Straße möglich ist. Einen Nachmittag habe ich in einem solchen Reichenghetto verbracht. Der Charme dieses "Country" bewegte sich zwischen Disney-Kitsch und meinen Erinnerungen an den Eisernen Vorhang in Ungarn. In unmittelbarerer Nähe zu diesem Country befand sich eine gewaltige „Villa“, also ein slumähnliches Elendsviertel. Die unfassbare soziale Schieflage rächt sich an den Wohlhabenden indem in den besten Wohngegenden die Kriminalität besonders hoch ist. Obwohl Buenos Aires voll von Kiwera ist, hat die Stadtregierung dieser Tage eine zusätzliche Stadtpolizei ins Leben gerufen. Die Rechten werden immer glauben, dass Kriminalität am besten mit einem noch gewaltigeren Sicherheitsapparat bekämpft werden kann. Dieser Irrglaube kostet – wie zahlreiche Raubmorde zeigen – auch immer wieder Mitgliedern ihrer exklusiven Gemeinschaft das Leben.


Ein Haus in einem Country. Vorne Swimmingpool, hinten Stacheldraht.


Das bombige Essen: Eine Parallele zwischen den USA und Argentinien drückt sich in der Esskultur aus. Über den Rindfleischkonsum wurde bereits gesprochen, wesentlich verblüffender sind jedoch die Ähnlichkeiten in der Zubereitung von Essen. Beide Küchen haben ein Faible für das Undezente und Unraffinierte. Riesige Fleischstücke, aber keine Marinade, massenhaft Käse auf der Pizza, jedoch kaum Gewürze bei der Essenszubereitung, stark gesalzene Speisen aber kein Pfeffer am Tisch, inflationäre Verwendung von Zucker der etwa Torten de facto ungenießbar macht, bei gleichzeitiger völliger Absenz von Esprit. Dass der Mangel an Feingeschmack durch bombige Rezepte ersetzt wird, habe ich auch in den USA so empfunden.

Achtung, der Schein trügt. Nicht hinein beißen! Die Massen an Zuckerschaum sind selbst für große Freunde des Süßen zu geil.


Von einigen der genannten Charakteristika weiß ich aus Erzählungen, dass sie in anderen amerikanischen Staaten ebenso anzutreffen sind. Vor allem die Distanzen und der Platz. Auch die abgeschotteten Reichenviertel in unmittelbarer Nähe zum Elend sind in etlichen amerikanischen Staaten Realität, wobei ich intuitiv annehme dass etwa Kanada oder Kuba aus der Reihe fallen. Was die Küche betrifft muss man noch vorsichtiger sein. Von mehreren Seiten habe ich gehört, dass in Kolumbien, aber vor allem in Peru mit wesentlich mehr Raffinesse und Liebe zum Detail gekocht wird. Ein Abendessen in einem peruanischen Gasthaus lässt mich annahmen, dass diese Einschätzung von einem beträchtlichen Wahrheitsgehalt ist.

Mittwoch, 23. September 2009

Die Nachtstadt

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New York, die Stadt die niemals schläft! Über diesen Titel kann Buenos Aires nur laut lachen. Das sage ich nicht, weil ich New York so gut kenne, sondern weil es mir zwei New Yorkerinnen unabhängig voneinander bestätigt haben. Buenos Aires ist keine Stadt mit Nachtleben, sondern eine Stadt die in der Nacht lebt. Man kann die Beschreibung der Nachtaktivität der Portenos (Bewohner/innen von Bs.As.) gar nicht übertreiben. Wie das möglich das physiologisch möglich was hier abgeht wird jedem europäischen Beobachter, so auch mir, wohl für immer ein Rätsel bleiben. Hier einige Beispiele um zu verstehen was ich meine:


- Das Abendessen ist frühestens 22:30, auch Mitternacht oder später ist nicht außergewöhnlich.

- Restaurants sind – auch unter der Woche – um 20:00 so leer wie in Wien um 17:00. Gegen 22:00 kommen langsam die Gäste. Kommt man um 1:00 um ein Bier zu trinken wird man bei der Tischsuche wie selbstverständlich gefragt: „Para cenar?“ (Zum Essen?)

- Meine argentinische Mitbewohnerin Stephi brät unter der Woche um 00:30 seelenruhig ihre Fleischlaberl in der Pfanne.

- Dass auch nach 1:00 das Haustelefon manchmal scheppert, wundert mich seit Monaten nicht mehr

- Um 2:00 Früh gehen Familien mit Kindern auf der Straße spazieren. Mit Bekannten fahre ich Freitags gegen 21:30 zu deren Freunden zum Abendessen. Die Bekannten sind über 40 und haben siebenjährige Zwillinge. Das Abendessen beginnt um 22:00 mit dem Aperatif, die Kinder machen die ganze Tortour selbstverständlich mit.

- Auf den großen Avenidas ist um 2:00 nachts mehr los als um 2:00 Nachmittags.

- Partys an Samstagen werden für 0:00 angekündigt, bis 1:00 kommen nur Ausländer/innen. Zwischen 2:00 und 3:00 kommen die Portenos oder jene die deren Lebensstil bereits übernommen haben. Um 4:30 kommen 25 Leute auf einmal. Einige von ihnen haben Trommeln und sonstige Instrumente mit und geben dann ab 5:00 ein kleines Konzert auf der Terrasse unseres Hauses.

- In Discos ist bis 3:00 gar nichts los. Bis 4:00 füllen sie sich, wobei die Schlange an Leuten die auf Eintritt warten gegen 4:00 am längsten ist. Wie bei uns ist es aber gegen 6:30 oder 7:00 vorbei. Die Portenos gewinnen also kein Nachtleben auf Kosten des Vormittags dazu, sondern verbringen einfach deutlich weniger Zeit in der Disco als die Leute bei uns.


- Zum Glück gibt’s Afterwork-Partys in manchen Discos. Dies ist das einzige Szenario, wo Discos schon um 3:00 schließen.

- In einer bekannten Milonga gibt es eines Dienstags eine Liveband. Diese begann um 2:00 Früh zu spielen

- Tangokurse die unter der Woche um 22:30 beginnen sind nichts Außergewöhnliches.

- Die Theaterproben meiner französischen Mitbewohnerin Anna mussten wegen Raummangel einmal schnell in die Nacht verlegt werden. Von 23:30 bis 04:30, unter der Woche versteht sich.

- Eine zeitgenössische Tanzperformance ist für Beginn 23:00 angekündigt, beginnt aber um 23:45. Zum Glück ist Freitag und zum Glück dauert sie nur rund eine Stunde. Um 1:00 verlässt man das Theater und beginnt die Nacht.

Immer wenn ich von „unter der Woche“ schreibe bedeutet dies selbstverständlich, dass die Leute am Folgetag arbeiten. Ihre Produktivität dürfte in diesem Zustand nicht die großartigste sein. In der Früh schauen die Leute im Bus auch immer aus wie Zombies, von jenen die einen Sitzplatz haben schläft oft die Hälfte oder mehr. Tatsächlich belegt eine Studie, dass die Portenos weltweit am wenigsten schlafen. 70% der Bevölkerung leiden bereits unter Schlafstörungen.


Wie halte ich das aus? Nun, gelegentlich halte ich am späten Nachmittag eine Siesta, oder schlafe zwischen 20:00 und 23:00 um nachher auszugehen. Ich habe mich schon einigermaßen daran gewöhnt nicht einmal lange durchzuschlafen, sondern meinen Schlaf auf z.B. fünf Stunden und später zwei Stunden aufzuteilen. Ich habe noch nie so wenig geschlafen wie hier, aber habe den Eindruck immer noch mehr abzubekommen als die wahnsinnigen Portenos. Mit Sicherheit kostet mich Buenos Aires aber einige Monate Lebenszeit und einige Jahre jugendlichen Aussehens.

Obwohl es auch relativ viel internationale Charts spielt, dominieren die beiden derzeit großen lateinamerikanischen Musikrichtungen Cumbia und Reggaeton oft das Nacht und Partyleben. Da beide nicht das meine sind bin ich dann doch immer wieder (heimlich, still und leise) froh über die Dominanz des angelsächsischen Kulturimperialismus. Hier ein Mega-Discohit des Reggaeton aus Puerto Rico: lo que paso paso

Dienstag, 8. September 2009

„Wenn man sich entfaltet, findet man seine eigene Vielfältigkeit"


Mit der deutsch-jüdisch-argentinischen Journalisten und Buchautorin Erika Rosenberg (Biographin von Emilie und Oskar Schindler), habe ich für die Webseite meines Auslandsdienst-Vereins ein Interview geführt.

Samstag, 22. August 2009

Geographische Überraschungen

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Der folgende Blog-Eintrag ist eher etwas für eingefleischtere Geographie-Nerds. Für diese überschaubare Lesergruppe ist er aber besonders interessant. Drei Dinge sind mir in Buenos Aires klar geworden:

1. Südamerika liegt verdammt weit im Osten

Wenn man an den amerikanischen Doppelkontinent denkt, hat man den Eindruck dieser erstreckt sich auf der anderen Seite des Altantiks ziemlich gerade von Norden nach Süden. Nun, dem ist nicht so. Tatsächlich liegt Südamerika viel weiter im Osten als Nordamerika. Lima, die Hauptstadt Perus und Metropole an der südamerikanischen Westküste, liegt auf dem selben 77. Längengrad wie die US-Bundeshauptstadt Washington, die bekanntlich an der US Ostküste liegt!!! Irlands Westküste, also der westlichste Punkt Europas, reicht bis an den 10. Längengrad. Brasiliens östlichster Punkt „Ponta do Seixas“ reicht bis an den 34., was eine Differenz von nur 24 Längengraden ergibt. Schon alleine die Distanz von Ponta do Seixas bis an den östlichsten Festlandpunkt der USA beträgt deutlich mehr, nämlich 32 Längengrade. Bis nach San Francisco beträgt die Distanz sogar 87 Längengrade. Selbst in km ist der Unterschied ersichtlich. Von der Südwestspitze Portugals bis zum Ponta do Seixas sind es 5.400 km. Vom Ponta do Seixas bis zur Südspitze Floridas sind es 5.900 km. Von diesem Extrempunkt aus gemessen liegt Europa näher bei Südamerika als die USA.

Erst auf den zweiten Blick fällt auf, wie viel weiter östlich Südamerika liegt als Nordamerika.

2. Der Pazifik reicht verdammt weit nach Osten

Wenn Südamerika so weit östlich liegt bedeutet das natürlich auch, dass der Pazifik sehr weit nach Osten reicht. Boston ist die östlichste Großstadt der USA, liegt auf dem 71. Längengrad und ist deutlich über 4.000 km von San Francisco und somit von der US-Pazifikküste entfernt. In Arica an der chilenisch-peruanischen Grenze, also dort wo Südamerika an seiner Westküste ein Cut nach Osten reißt, kommt der Pazifik bis an den 70. Längengrad heran uns liegt damit weiter östlich als Boston!

Die Fläche des Pazifischen Ozeans beträgt 181,34 Mio. km², was rund 35 Prozent der gesamten Erdoberfläche oder die Hälfte der Meeresfläche der Erde und damit mehr als die Fläche aller Kontinente zusammen ausmacht.

3. Der amerikanische Kontinent erstreckt sich verdammt weit von Osten nach Westen

Die gewaltige Nord-Süd Erstreckung Amerikas kennt man vom Blick auf den Globus, sie beträgt 124 Breitengrade. Aber die Ost-Westerstreckung geht über unfassbare 134 Längengrade. Natürlich ist es für Alaska leicht möglich einen sehr weit westlichen Längengrad zu erreichen, weil auf Grund der Neigung der Erde die Längengrade im äßersten Norden und Süden sehr nah zusammen liegen. An den Polen ist die Distanz zwischen ihnen logischerweise Null. Doch auch in km. ist die Entfernung enorm. Mit Google earth lässt sich berechnen, dass die Nord-Süderstreckung von Festlandamerika rund 14.000 km beträgt. Die Ost-West Distanz (Ostküste Brasiliens bis zur Westküste Alaskas) immerhin noch 10.700. Das entspricht etwa der Entfernung Wien – Jakarta (Indonesien).

Die enorme Ost-Westerstreckung des amerikanischen Doppelkontinents entspricht der Distanz von Wien nach Jakarta, Indonesien.

4. Buenos Aires ist verdammt weit weg

Insgesamt entsteht der Eindruck, das westlich gelegene Nordamerika befindet sich weiter weg von Europa als das östliche gelegene Südamerika. Die abschließende faszinierende Erkenntnis ist, dass dies nicht zutrifft, vor allem nicht für Argentinien. Südamerika liegt soweit südlich, dass die Distanzen letztlich doch deutlich weiter sind. Von New York ist es näher nach Wien als nach Buenos Aires. Vor allem die verhältnismäßig enorme Entfernung von Europa nach Buenos Aires war mir bisher nicht bewusst. Ein paar Beispiele: Die Flugdistanz von Wien nach New York beträgt 6.800 km. Nach Los Angeles 9.800 km. Die Distanz von Wien nach Buenos Aires kommt jedoch auf unfassbare 11.800 km. Tokio liegt mit 9.100 km näher bei Wien, ebenso wie Jakarta mit 10.500 km. Man muss die 16.000 km bis Sydney fliegen, um die 11.800 km zu übertreffen. Es ist gar nicht so leicht von Wien noch weiter entfernt zu sein als in Buenos Aires.

Hier noch ein Überblick über ein paar interessante Distanzen in km:

Buenos Aires – Los Angeles: 9.800 (gleich wie Wien – LA)
Buenos Aires – Wien: 11.800
Buenos Aires – Lissabon : 9.600
Buenos Aires – New York : 8.500 (weiter als Wien – NY)

Wien – New York: 6.800
Wien – Peking: 7.500
Wien – Kapstadt: 9.100
Wien – Tokio: 9.200
Wien – Singapur: 9.700
Wien – Los Angeles: 9.800
Wien – Jakarta: 10.500
Wien – Lima: 11.200
Wien – Buenos Aires: 11.800
Wien – Sydney: 16.000

Kulturell gilt Buenos Aires als die europäischste Stadt am amerikanischen Doppelkontinent. Geographisch gesehen ist es die von Europa mit Abstand am weitesten entfernte amerikanische Metropole. Selbst Lima oder Los Angeles liegen näher.

Abschließend sei noch gesagt, dass Google Earth und Goolge Map für geographisch interessierte Menschen wirklich traumhafte Spielzeuge sind. Man kann diese Programme gar nicht genug loben. Geographie erleben bekommt durch sie eine Dimension, von der alle vorangegangenen Geographengenerationen nicht einmal träumen konnten. Hier kann man google earth downloaden.

Dienstag, 18. August 2009

Cordoba

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Die Sierra de Cordoba im "Winter". Im Sommer ist es hier ganz feucht und grün.

In Österreich kennt man Cordoba vor allem wegen des legendären Fußballspiels von 1978, als man Deutschland mit 3:2 bezwang. Was viele jüngere Menschen nicht wissen, Österreich hatte damals keine Chancen mehr auf einen weiteren Aufstieg, das Match gegen Deutschland war ein reines letzte Pflichtspiel. Deutschland hatte aber noch Chancen auf das Spiel um Platz 3 gehabt, diese waren nach dem 2:3 jedoch zunichte. Im Sinne von „geteiltes Leid ist halbes Leid“ hat man den großen Bruder mit in den Abgrund gerissen. Österreich wurde narrisch vor Freude über einen Erfolg, der einem selbst nichts brachte sondern nur einem anderen schadete. Wenn man es selbst schon nicht schafft, dann soll der Nachbar auch schlecht haben. Diese Heimtücke gibt Einblicke in die Abgründe der österreichischen Seele und ihrem komplexbehafteten Verhältnis zu den Preußen. Der bedeutungslose Sieg von Cordoba sagt eigentlich alles über Österreich.

Papa und Wastl nützten meinen Aufenthalt in Argentinien um ihren Besuch zu einer Reise zu machen, ein verlängertes Wochende verbrachten wir gemeinsam in der Provinz Cordoba. Hier reiten sie gerade zufrieden durch die Sierra de Cordoba.

In der argentinischen Provinz Cordoba leben insgesamt auf der doppelten Fläche von Österreich 3,2 Millionen Menschen. Das ist für argentinische Verhältnisse jedoch eine überdurchschnittliche Bevölkerungsdichte. Cordoba, Santa Fe und die Hauptstadt Buenos Aires bilden mit jeweils rund 3 Millionen Einwohner/innen die mittelgroßen Provinzen. In der Provinz Buenos Aires leben 14 Millionen, ein Drittel der Gesatmbevölkerung. Die übrigen 20 Provinzen sind allesamt viel kleiner und politisch sowie wirtschaftlich relativ bedeutungslos. Cordoba Capital ist die zweitgrößte Stadt Argentiniens, Hauptstadt der zentral gelegenen Provinz Cordoba und mit 1,3 Millionen Einwohner/innen wesentlich größer als das andalusische Cordoba mit seiner Bevölkerung von 300.000. Cordoba Stadt liegt verglichen mit der Nordhalbkugel ca. auf der Höhe von Jerusalem (31. Breitengrad).

Der verblasste Glanz unseres Quartiers in La Cumbre steht irgendwie für den wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergangs Argentiniens. Erbaut wurde das Schlösschen 1923, also in den fetten Zeiten. Ein nicht mehr verwendeter Swimmingpool im Garten lässt darauf schließen, dass man in den 1950er-Jahren erweiterte. Den heutigen spezifischen Charme der Bude macht ihre heruntergekommene Eleganz aus.

Die Provinz Cordoba ist trockener als Mitteleuropa, aber grüner als der andine Nordwesten. In den Tourismusprospekten bezeichnet sich die Region selbst als „mediteranes Erlebnis“, wobei es kein Meer gibt und die Sommer sehr feucht sind. Was Cordoba aber aufbieten kann ist eine Sierra, also ein nicht zu den Anden gehöriges sehr schönes Gebirge, sowie einige (Stau)seen an denen ein bisschen Riveria-Feeling aufkommt.







Die Provinz Cordoba ist so, wie man sich Argentinien vorstellt. Es gibt unfassbar viel Platz, die Häuser sind etwas heruntergekommen, haben aber einen weiten Garten in dem ein großer Pick up herumsteht. Die zehntausenden Kühe bekommt man aufgrund der unendlichen Größe der Weideflächen nur unregelmäßig zu Gesicht. Regeln scheinen eher individuell auslegbare Richtlinien zu sein und die Menschen sind besonders freundlich. Die Provinz Cordoba ist im Gegensatz zur Hauptstadt Buenos Aires eben eindeutig amerikanisch und nicht europäisch. Wie in den USA gibt es vor allem Platz. Außerdem Prärien, ewig lange gerade Straßen, Riesenfarmen, Dörfer im Nirgendwo, Pick ups, Gauchos (Cowboy) und das Gefühl von Freiheit, weil Politik, Behörden und Hauptstadt schon geographisch so weit weg sind.

Der Ort La Cumbre eignet sich hervorragend zum Paragleiten, was ich und Wastl dann auch gleich ausprobieren mussten. 700 Meter über dem Startpunkt sieht man das Flussbett, die Berge, die Seen und den Condor, der in die schon etwas glühende Spätnachmittagssonne fliegt. Hier fliegt Wastl.

Auf dem Foto sieht man eindeutig, mit welchem Geschick ich das Paragleiten beherrschte. Die Anweisungen meines Tandemfliegers habe ich auch penibel eingehalten (die Aufgabe bestand darin sich nach Aufforderung nach links oder rechts zu lehnen).

Die Hauptstadt Cordoba liegt vom Flair irgendwo zwischen Buenos Aires und der Provinz Cordoba, zwischen einer südeuropäischen Metropole und den Weiten Arizonas. Ihr Zentrum ist recht urban im europäischen Sinne (alte Bausubstanz, Plätze, Kirchen etc.), die Leute bewegen sich aber wesentlich langsamer als in der Bundeshauptstadt. Nicht weit vom Zentrum beginnen auch schon die weiten Siedlungsflächen einstöckiger Wohnhäuser mit staubigen Gärten voller Gerümpel. In Argentinien hat man Platz, auch in den Provinzhauptstädten. Da kommt „American feeling“ auf. Cordoba Stadt ist mit sieben Universitäten und 150.000 Studierenden die Bildungsmetropole in Argentinien und wird dementsprechend auch „La Docta“ (die Gelehrte) genannt. Wirtschaftlich war Cordoba in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Industriezentrum. In den 1950er-Jahren wurde eine bedeutende Autoindustrie angesiedelt, der Automobilproduzent Industrias Kaiser Argentina stellte vorerst eigene argentinische Autos her, wurde aber in den 1970ern von Renault aufgekauft. Obwohl Cordoba heute primär eine Dienstleistungsmetropole ist, haben Renault, Fiat und VW noch Werke in der Stadt.

Wäre ich Student in Cordoba würde das so aussehen.

In Cordoba Stadt befinden sich mehrere wirklich schöne Gebäude aus der Kolonialzeit. Die Stadt ist voll von Klosteranlagen die den Orden als Stützpunkten dienten. Vor allem entlang der zentral gelegenen Universitätsmeile befinden sich einige alte Gebäude, in denen heute diverse Fakultäten untergebracht sind. So etwa die wunderschöne „Manzana de los Jesuitas“ aus dem 17. Jahrhundert. Die großartigen Arkadeninnenhöfe bieten die optimalen Voraussetzung für einen Campus. Die neueren Glas-Stahlkonstruktionen in der Universitätsmeile wurden geschickt und unaufdringlich in die alte Bausubstanz eingewoben. Studieren in Cordoba ist architektonisch mit Sicherheit zumindest ein ästhetisches Erlebnis. Auch die älteste erhaltene Kirche Argentiniens befindet sich in Cordoba. Die Iglesia de la Compañía de Jesús ist ein schönes und schlichtes Gebäude aus dem 17. Jh., das stilistisch schwer einzuordnen ist. Obwohl dies zeitlich unmöglich ist, beschreibt die Bezeichnung romanisch-kolonial vielleicht noch am ehesten den Baustil. Innen wurde die Kirche barockisiert (oder gleich von Beginn an so ausgestattet), aber bei weitem nicht so plump-aufdringlich wie österreichische Kirchen. Trotz prunkvoller Stilmittel bleibt ein demütig-spiritueller Eindruck erhalten, wobei der Umstand dass die vergoldeten Elemente schon lange nicht mehr poliert wurden, dieser Schlichtheit zugute kommt. Es ist erstaunlich wie viel Spielraum Architekten innerhalb einer Stilrichtung hatten. Der Barockarchitekt der Iglesia de la Compañía de Jesús (ein Flame namens Philippe Lemaire) hatte jedenfalls Stil.

Iglesia de la Compañía de Jesús

Politisch besondere Bedeutung hatte Cordoba 1969 im Rahmen des Cordobazo. Dieser Aufstand von Arbeiter/innen und Studierenden wird von manchen Beobachter/innen als Mai 68 Argentiniens betrachtet. Während der Militärdiktatur unter dem De facto-Präsidenten Juan Carlos Onganía (1966-1970) kam es zu Verschlechterungen in den Arbeitsbedingungen, denen die bürokratische peronistische Staatsgewerkschaft nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Im Mai 1969 schaffte die Regierung den „englischen Samstag“ ab (halbe Schicht für volle Bezahlung). Daraufhin organisierten sich in der Automobilmetropole Cordoba die Arbeiter/innen. In Folge von Massendemonstrationen besetzten sie gemeinsam mit Studierenden die gesamte Stadt. Die Polizei konnte den Aufstand nicht stoppen. Erst durch den Militäreinsatz konnte nach zwei Tagen die Kontrolle über Cordoba wieder hergestellt werden. 13 Tote und hunderte Verletzte waren die blutige Bilanz des Cordobazo. Der Rücktritt Onganías ein Jahr später wird als Spätfolge dieses Aufstands betrachtet.

Im Mai 2009 wurde 40 Jahre nach dem Cordobazo diese Gedenktafel angebracht. Die zwei Revolutionäre im Vordergrund solidarisieren sich ex post mit den Aufständischen.