Sonntag, 7. Juni 2009

Das argentinische Europadorf

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Anlässlich der heutigen EU-Wahlen ein paar Worte zu Europa, von dem ich einmal weit weg sein wollte. Es ist mir definitiv nicht gelungen. Darüber dass Buenos Aires eigentlich eine südeuropäische Stadt ist habe ich bereits geschrieben. Mehr dazu etwa im Eintrag vom 18. Mai.

Nun, der viel wichtiger Grund für meine sehr europäische Existenz hier sind allerdings die Europäer/innen selbst, die fast die Hälfte meines sozialen Umfeldes ausmachen. Die andere Hälfte sind Lateinamerikaner/innen. Die sozialen Konstellationen sind natürlich nicht separiert sondern meist bunt gemischt und es gibt etliche interkontinentale Pärchen. Auf einer Party die wir kürzlich in unserer „Casa“ veranstaltet haben waren 80 Leute aus 20 Nationen. Obwohl wir hier im Haus alle viel Kontakt mit Leuten aus Argentinien, Kolumbien, Peru und Brasilien haben, ist mein Leben in Buenos Aires europäischer als in Europa, wo ich ja zum allergrößten Teil nur mit Österreicher/innen zu tun habe.

Von wo kommen die touristischen Exilant/innen?

Genug von Berlin? von Antwerpen? Oder von Lunz am See? Warum nicht einige Zeit ganz woanders leben und ganz anderes erleben? Denkt sich das Europäerlein, und fährt in die europäischste Stadt außerhalb des alten Kontinents um hauptsächlich andere Leute aus Europa kennen zu lernen.

Wie sich die hier lebende Ausländerschaft zusammensetzt ist statistisch mit Sicherheit nicht erfasst. Mit den wirklich großen Gruppen von Arbeitmigrant/innen aus Bolivien oder Peru habe ich natürlich keinen Kontakt. Ich lebe hier in einer jungen und studentischen Tourismus- und Abenteuerwelt, die wenig mit der sozialen Realität der lateinamerikanischen Menschen zu tun hat und die sich freut, dass der Euro gegenüber dem Peso tendenziell steigt (seit ich hier bin von 4,3 auf 5,3). In den Zeiten wo unsere argentinischen Freund/innen nicht gerade 40 Wochenstunden arbeiten müssen um ihr Abendstudium zu finanzieren, verbringen wir auch gerne unsere verhältnismäßig reichliche Freizeit mit ihnen. Diese wiederum können sich nur wundern, dass drei Monate Gelegenheitsjobs in Hamburg genug sind um sechs Wochen durch Lateinamerika zu reisen, dass man sein Auslandsjahr im Rahmen des Studiums an der Uni Utrecht in Buenos Aires verbringt, dass es möglich ist sich einfach einmal ein halbes Jahr Auszeit vom Stress in London zu nehmen um in einem Sozialprojekt mitzuarbeiten oder dass man sein Studium in Barcelona spontan für einige Monate unterbricht um in Buenos Aires einen Theaterworkshop zu besuchen und Abends Tango tanzen lernt. Diese kleine Gesellschaft westlicher Wohlstandskinder auf Abenteuerurlaub setzt sich meiner Auffassung nach folgendermaßen zusammen:

Die Arbeitsmigrant/innen kommen z.B. aus Peru, Bolivien oder Paraguay. Sie haben es nicht ganz so lustig in Bunoes Aires wie die Kinder aus dem Westen.

- Die mit Abstand größte Gruppe kommt aus (West-)Europa. Dabei führt definitiv Frankreich vor Deutschland und dem UK. Der schicke kleine Tangobezirk San Telmo ist meiner Meinung nach eine Pariser Enklave in Lateinamerika. Südeuropa ist tendenziell schwächer vertreten als Nordeuropa. Aus Osteuropa habe ich in den vier Monaten die ich hier bin nur drei Menschen getroffen, zwei Pol/innen und einen Slowenen. Die Europäer/innen hier sind 20-35 Jahre alt, gebildet, weltoffen, sprachgewandt, linksliberal, alternativ, künstlerisch und/oder sozial engagiert.

- Die zweitgrößte Gruppe sind junge Lateinamerikaner/innen die in Buenos Aires studieren. Vor allem Kolumbien, aber auch Brasilien und Mexiko sind in meiner Wahrnehmung stark vertreten. Diese Leute kommen meist aus wohlhabenderen Familien und sind etwas konservativer und deutlich eleganter als die Europäer/innen. Mit uns teilen sie eine gewisse ökonomische Sorglosigkeit, da ihre Eltern den Aufenthalt finanzieren oder sie auf Grund ihres kulturellen Kapitals schon vernünftige Jobs haben.

- Die kleinste Gruppe ist der restliche angelsächsische Okzident, vor allem US-Amerikaner/innen - die in meiner Wahrnehmung viel geringer vertreten sind als z.b. Frankreich alleine - Menschen aus Kanada, Australien und Neuseeland. Diese Gruppe unterscheidet sich soziokulturell nicht stark von den hier lebenden Europäer/innen, die Anzahl der Sprachlehrer/innen ist aber meiner Einschätzung nach relativ größer, jene von Abenteurern, Schauspieler/innen und Tänzer/innen geringer.

- Menschen aus Japan und den anderen ostasiatischen Industriestaaten habe ich hier noch überhaupt keine getroffen.

Die erweiterte EU existiert nur am Papier, aber nicht was den Wohlstand betrifft. Einen längeren Ausflug nach Buenos Aires können sich nur Menschen aus Westeuropa gönnen.

Ein Zeitungsbericht vom 11. Mai bestätigt meine Prognose tendenziell. Allerdings sind darin nur die ausländischen Studierenden und die Teilnehmer/innen an Sprachkursen berücksichtigt. Interessant ist der Umstand, dass sich die Zahl ausländischer Studierender 2009 in Buenos Aires im Vergleich zur Krise 2001 verdreifacht hat. Das liegt schlicht und ergreifend daran dass Argentinien seit damals ein recht preiswerter Boden geworden ist. Noch Ende der 1990er-Jahre war Preisniveau vergleichbar mit Österreich. Deutlich über 50% der rund 23.000 Bildungstouristen sind zwischen 20 und 30 Jahre alt. Aus Europa kommen 40% der Studierenden, aus den USA 25% und aus Brasilien 16%. Das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung freut sich, dass Buenos Aires in Mode ist. Die Zahl der Latinos dürfte sich wahrscheinlich gegen 30% bewegen (ich gehe fix davon aus, der Großteil der im Artikel nicht aufgeschlüsselten Studierenden kommt aus LA). Damit stimmt die Reihenfolge meiner Schätzung zumindest mit den Daten für die Studierenden recht gut überein.

Das europäische Babylon


Die Verständigung klappt sehr gut. Alle die hier leben verstehen und sprechen das recht simple Exilantenspanisch. Selbst die in Buenos Aires lebenden Menschen aus Frankreich und Italien sprechen zwei bis drei Sprachen, Leute aus dem deutschsprachigen Raum, aus Benelux oder Skandinavien sprechen vier oder fünf. Nur die englischen Natives können meist außer ein paar Brocken schlechten Spanisch nicht viel. Schuld hat aber nur zum Teil der offenbar katastrophale Sprachunterricht in den USA und im UK. Ein wichtiger Grund ist, dass die englischen Natives selten gefordert bzw. gezwungen sind eine andere Sprache anzuwenden weil sie sich mit der ihren fast überall durchschlagen können. Es ist außerdem erstaunlich wie viele Leute in der Schule Deutsch gelernt haben. Noch erstaunlicher ist der Umstand, dass einige sogar ein paar Brocken sprechen und manche wenige sogar sehr gut. Nach Englisch ist sie in vielen europäischen Staaten die zweite Fremdsprache in der Schule (wie bei uns kann man meist wählen), in den USA und dem UK teilweise sogar die erste.

Der deutschsprachige Raum erfasst in Europa fast 100 Millionen Menschen und Deutsch ist nach Russisch die zweitgrößte Sprache des Kontinents. Wahrscheinlich nicht zuletzt aus historisch bedingter Vorsicht unterschätzt man oft die Bedeutung der deutschen Sprache. Leider haben die Nazis es geschafft, dass sie im Ausland bis heute im ersten Gedanken mit dem Geschrei Hitlers assoziiert wird.

Die vier Klassiker die hier von Europäer/innen in unterschiedlichem Ausmaß beherrscht werden sind Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Das sind zum Glück auch jene in denen ich mich mehr oder weniger gut zurechtfinde. Aus einer haarsträubenden Mischung dieser vier Sprachen, die auf Kosten jeder einzelnen zu einem fürchterlichen Kauderwelsch zusammenwachsen, unterhalte ich mich mit Leuten aus dem gesamten Okzident.

Erst hier wird mir klar, dass Deutsch für Menschen mit Interesse an Sprachen von diesen vier die optimale Muttersprache ist. Es ist die am schwierigsten zu erlernende, die man einfach mit seiner Kindheit aufsaugt. Für Menschen mit slawischer Muttersprache ist es meiner Beobachtung nach besonders einfach sich Fremdsprachen anzueignen. Aber es bestätigt sich für mich seit Jahren auch immer wieder, dass es den Menschen mit germanischen Muttersprachen (Deutsch, Niederländisch, Dänisch etc.) offenbar unfassbar viel leichter fällt Fremdsprachen zu erlernen als Menschen mit romanischen Muttersprachen (französisch, spanisch, italienisch) und englischen Natives. Unter den germanischen Sprachen ist der große Vorteil des Deutschen gegenüber Norwegisch oder Schwedisch allerdings, dass man Zugang zum größten Sprachraum der Europäischen Union hat. Englisch zu lernen fällt uns recht leicht, Englisch als Muttersprache zu haben bedeutet aber wenig Gelegenheit andere Sprachen erlernen zu können. Mit Deutsch kommt man außerhalb des deutschsprachigen Europas nicht weit, da heißt es dann „Lern oder Stirb,“ Hat man zum Ziel Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch zu beherrschen ist Deutsch meiner Einschätzung nach die Ausgangsbasis mit den wenigsten Widerständen.

Die Exil-Europäer/innen

Es sind Trommelevents wie dieser sonntägliche Marsch durch die Calle „Defensa“, bei dem man mit Sicherheit zahlreiche Europäer/innen trifft.

Die Europäer/innen die hier leben haben oft schon eine interkulturelle Vergangenheit. Die Französinnen in meinem Haus haben ein Auslandsjahr in England verbracht bzw. in Neuseeland gearbeitet, meine Tangokollegin aus Sizilien hat 12 Jahre in Berlin gelebt, eine Pariser Grafikdesignerin hat zuvor ein paar Jahre in Los Angeles gewohnt. Die meisten haben zumindest mehrwöchige Auslandsaufenthalte oder mehrmonatige Weltreisen hinter sich.

Es handelt sich fast durch die Bank um interessante Persönlichkeiten, die mir sämtliche Fragen zum dänischen Sozialsystem, zur britischen Identitätskonstruktion, zur belgischen Innenpolitik, zu den schwedischen Trinkgewohnheiten oder zur historischen Bedeutung von Toulouse im Mittelalter beantworten (es gibt folglich fast so viele europäische Fragen wie lateinamerikanische, mit denen ich mich hier auseinandersetze, wobei sich zweitere eher auf dem „Was ist eigentlich Ecuador?-Niveau“ abspielen) Die Europäer/innen in Buenos Aires sind Studierende, Künstler/innen, Filmproduzent/innen, Intellektuelle, Theaterleute, Tänzer/innen, Abenteurer/innen und Sozialarbeiter/innen. Ihr geographisches Zentrum ist das eigentlich eher abgelegene San Telmo.

Es ist nicht gerade die schlechteste Auswahl an Persönlichkeiten aus dem alten Kontinent, die sich hier findet. Dies veranlasst die Argentinier/innen regelmäßig überzogene Rückschlüsse auf Bildung und Benehmen der Europäer/innen generell zu ziehen. Tatsächlich handelt es sich durchwegs um kosmopolitische Menschen mit Interesse an der Welt, die das internationale Flair unserer hiesigen Exil-Gesellschaft sehr genießen. Unisono stellen sie fest, dass sie so etwas wie eine europäische Identität erst hier entdeckt haben, oder wenn selbige schon vorhanden war diese durch den Aufenthalt in der Ferne vertieft wurde. Ein Partyveranstalter aus Florenz brachte das diffuse Zusammengehörigkeitsgefühl folgendermaßen auf den Punkt: "As an European you are just part of the club." Es ist unbestreitbar, dass ich mich in meinem lateinamerikanischen Europadorf recht wohl fühle.

San Telmo ist schon fast ein Arrondissment von Paris. Hier leben etliche junge Menschen aus ganz Europa, vor allem aus Frankreich und darunter wieder mehrheitlich Menschen die zuletzt in Paris gewohnt haben. Es ist schön, ein bisschen verfallen und preiswerter als die schicken Stadtteile Recoleta und Palermo.

Hier eine Liste von europäischen Staaten aus denen mir bisher Menschen in Buenos Aires über den Weg gelaufen sind: Frankreich, Frankreich, Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien, Polen, Niederlande, Belgien, Irland, Schweden, Dänemark, Slowenien, Island Schweiz, und natürlich Österreich. Darüber hinaus habe ich in Argentinien Leute aus den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Kolumbien, Brasilien, Mexiko, Bolivien, Peru, Paraguay, Kuba, Chile, Israel, Ägypten und Südafrika getroffen.

Aus gegebenen Anlass für meine europäische Existenz die ich nicht los werde und wahrscheinlich gar nicht los werden will, hier eine fesche Version der Europahymne: Ode to Joy

Montag, 1. Juni 2009

Hightech-Investitionen statt Billigexporte

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Für alle ökonomisch interessierten Leser/innen, hier einmal ein recht seriöses und grundsätzliches Artikelchen zur argentinischen Wirtschaftspolitik.


Folgende Reaktion auf die wirtschaftspolitische Linie des auf Deutsch herausgegebenen „Argentinischen Tageblattes“ ist eine Analyse durch europäische Augen, wodurch sich folgende normative Grundannahme durch den Text zieht: Ich unterstelle das Ziel der argentinischen Gesellschaft sei es, den Pfad einer hoch entwickelten Wohlstandsdemokratie zu beschreiten. Der Leserin und dem Leser soll bewusst sein, dass ich den europäischen Wohlfahrtsstaat und dessen historische Genese zum Bezugspunkt meiner Gedankenwelt mache.

Die ökonomische Berichterstattung im wirtschaftsliberalen argentinischen Tageblatt ist detailliert, mit viel statistischem Material untermauert und trägt die Handschrift einer volkswirtschaftlich interessierten Redaktion. Auf der letzten Seite findet sich stets ein langer Kommentar zu wirtschaftspolitischen Fragen. Wenn auch nicht namentlich gekennzeichnet ist zu vermuten, dass es sich um die Worte des Herausgebers, Wirtschaftswissenschafters und ehemaligen Wirtschaftsministers Roberto Alemann handelt. Zu meiner großen Verwunderung wird in diesen Kommentaren zur Ankurbelung der Gesamtwirtschaft vor allem auf die Forcierung der Landwirtschaft gesetzt. So heißt es z.B. im Tageblatt vom 28. März: „Die unmittelbare Erhöhung der Produktion von landwirtschaftlichen Exportprodukten sollte bei der Wirtschaftspolitik absolute Priorität haben.“


Die Landwirtschaft ist in Argentinien ein innenpolitischer Dauerbrenner. Genau konträr zu Europa gibt es hier relativ hohe Exportzölle, die eine wichtige Einnahmequelle des Staates darstellen. Ein Versuch der Regierung Kirchner selbige im Vorjahr zu erhöhen, scheiterte jedoch am erbitterten Widerstand der politisch gut organisierten Großgrundbesitzer.

Rohstoffreichtum ist nicht gleich Reichtum

Tatsächlich beträgt der Anteil der Landwirtschaft am BIP (Bruttoinlandsprodukt) in westlichen Industriestaaten nur einen Bruchteil jener zehn Prozent, die er gemäß Weltbank in Argentinien ausmacht. Laut Tageblatt wächst der Beitrag zur Wertschöpfung gemeinsam mit den landwirtschaftsnahen Industrien und Dienstleistungen auf über 50 Prozent. In Staaten wie Deutschland oder Großbritannien sind es keine zwei, im flächenreichen Frankreich nur knapp über zwei Prozent, die die Landwirtschaft zum BIP beiträgt. Die relative Abnahme des landwirtschaftlichen Sektors an der gesamten Wertschöpfung war im Europa des 20. Jh. ein Zeichen des kontinuierlichen Anwachsens des Wohlstands. Im landwirtschaftlichen Export das Heil für die wirtschaftliche Zukunft zu suchen scheint mir im Widerspruch zu all meinen bisherigen volkswirtschaftlichen Erfahrungen und Auffassungen zu stehen.

Von vielen Argentinier/innen hört man, dass ein an Boden und Rohstoffen so reiches Land ein viel höheres Wohlstandsniveau erreichen müsste als es derzeit der Fall ist. Dem kann stets entgegnet werden, dass Nigeria an Rohstoffen noch viel reicher, an Wohlstand aber noch viel ärmer sei. Rohstoffreichtum ist oft mehr Fluch als Segen. Die autoritären Regime und diktatorischen Monarchien im Nahen und Mittleren Osten stützen sich großteils auf den Reichtum an Rohstoffen. Die Erträge werden nicht im Land investiert, geschweige den in den Aufbau einer sozialen Infrastruktur gesteckt, sondern für repräsentative und militärische Zwecke verwendet oder im Kasino der internationalen Finanzmärkte veranlagt. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt (Japan), sowie die drittgrößte (Deutschland) verfügen über keinerlei bedeutenden Bodenschätze oder sonstige natürliche Ressourcen. Trotzdem wurden Japan und Deutschland im 20. Jh. mit ihren wettbewerbsfähigen Industrien zu wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten. Nicht Rohstoffe machen reich, sondern der Kapitalstock an Industrie- und Humankapital, sowie die jeweilige Arbeitskultur einer Gesellschaft.

Saudi Arabien ist der ölreichste Staat der Erde, König Abdullah ibn Abd al-Aziz der alleinige Herrscher in einer der letzten absoluten Monarchien der Welt. So lange der Ölhahn offen bleibt, wird sich dies wohl nicht ändern. Neben arbeitsamen Migrant/innen aus Pakistan, kann man sich auch den gesamten Unterdrückungsapparat zur Unterdrückung der Opposition und Durchsetzung der Scharia spielend leisten.

Die „Holländische Krankheit“

Die Exportstruktur Argentiniens wurde im Tageblatt vom 2. Mai genau aufgeschlüsselt. Demnach entfielen 40 Prozent der Exporte auf Industrieprodukte auf landwirtschaftlicher Basis (MOA), 32 Prozent auf Rohstoffe, Brennstoffe sowie Energie und nur 28 Prozent auf reine Industrieprodukte (MOI). In Deutschland machten Exporte aus den Bereichen Landwirtschaft, Fortwirtschaft, Fischerei und Nahrungsmittelindustrie (vergleichbar mit MOA) im Jahr 2008 gemäß dem deutschen Statistikamt keine fünf Prozent des gesamten Export- und sechs Prozent des Importvolumens aus. Nur 0,9 Prozent der Exporte entfielen auf Rohstoffe und Energie, während diese Produkte beim Import knapp zehn Prozent ausmachen. Über 94 Prozent der deutschen Exporte entfallen auf weiterverarbeitete Industrieprodukte (MOI). Alleine die drei großen Brocken Kraftwagen, Maschinen und Chemieerzeugnisse machen im Export 46 Prozent des deutschen Außenhandels aus.

Die so genannte „Holländische Krankheit“ ist ein Phänomen, das die Gefahren einer stark auf Grund- und Rohstoffen basierenden Exportwirtschaft beschreibt. Dadurch entstehen Außenhandelsüberschüsse, durch die es zu einer Aufwertung der Währung des Landes kommt. Gleichzeitig werden hochwertige Produkte nicht selbst hergestellt sondern importiert. Die „Terms of Trade“, also das Verhältnis von Exportpreisen zu Importpreisen, verschlechtern sich, die Volkswirtschaft verliert an Wettbewerbsfähigkeit. Dies bringt Absatzprobleme von Gütern der übrigen exportierenden Industrien mit sich und führt dann zum Rückgang oder Verschwinden der betroffenen Industrien. Mehrere ökonomisch gebildete Leute – unter anderem ein Wirtschaftswissenschafter an der österreichischen Botschaft – sind der Auffassung, dass Argentinien in den letzten Jahrzehnten regelmäßig Symptome der holländischen Krankheit aufgewiesen hätte.

Zentrum oder Peripherie?

Singapur gehört zu jenen Tigerstaaten, die in der zweiten Hälfte des 20. Jh. ein westliches Wohlstandsniveau erreicht haben. In diesem Stadtstaat wird man allerdings eingesperrt, wenn man einen Tschikstummel auf die Straße schmeißt. Das TV ist bei solch einem Event live dabei!

Tatsächlich nimmt Argentinien mit seiner landwirtschaftlich geprägten Wirtschaft eine periphere Zulieferfunktion in der Weltwirtschaft ein, die den großen Wirtschaftszentren USA und EU sehr willkommen ist. Produkte deren Verarbeitung einen geringen technologischen Standard erfordert werden zu günstigen Weltmarktpreisen aus Argentinien angekauft, dafür werden teure Hochtechnologieprodukte nach Argentinien exportiert. Selbiges Ungleichgewicht herrscht gegenüber den meisten Staaten der Erde, nur einige wenige wie Japan haben sich aus dieser Schieflage erfolgreich befreit, oder sind – wie China – eben dabei sich aus der westlichen Rollenzuordnung zu lösen. Wie haben die asiatischen Tigerstaaten (Südkorea, Hongkong, Singapur und Taiwan) in den letzten Jahrzehnten geschafft unter diesen globalen Bedingungen von peripheren Entwicklungsstaaten zu Industriestaaten aufzusteigen? Grundvoraussetzung war eine Rückendeckung durch den Westen aus politischen Motiven. Ökonomisch haben die Tiger zuerst durch eine importsubstituierende Industrialisierung im Bereich der Leichtindustrie eine gewisse Binnennachfrage geschaffen. Später kam es zu Investitionen in die kapital- und humankapital-intensive Produktion bei gleichzeitigem dezenten Schutz der eigenen Industrie durch Zölle. Schließlich konnte durch die Intensivierung der High-Tech-Branchen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Industriestaaten erreicht werden. Jetzt produziert man auf Augenhöhe, nun macht Freihandel für alle Beteiligten Sinn. Eine Gesellschaft kann sich nur reich investieren, aber sich nicht reich exportieren. Zumindest nicht mit dem Export von Grund- und Rohstoffen.

Die Welt-Wohlstandskarte illustriert recht eindrucksvoll, wo auf der Welt ökonomisch die Zentren sind, und wo die Peripherie.

Der große Freihandelstheoretiker David Ricardo sah den ökonomischen Fortschritt durch Landwirtschaft und Großgrundbesitz sogar behindert. Er kämpfte leidenschaftlich gegen die britischen Getreidezölle und wollte den besitzenden Grundadel zu Gunsten des liberalen unternehmerischen Bürgertums schwächen. Die kontinuierliche politische Verdrängung der Aristokratie durch die Bourgeoisie im Europa des 19. Jh. war zugleich Voraussetzung als auch Folge des ökonomischen Wandel. Die wirtschaftliche Industrialisierung und die politische Beseitigung der feudalen Strukturen haben sich in wechselseitiger Wirkung zum Durchbruch verholfen. Die Konzentration auf die Landwirtschaft ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der genau falsche Weg um Argentinien ökonomisch zu emanzipieren und langfristig mit den westlichen Industriestaaten gleichzuziehen. Die Interessen des Grundbesitzes sind Interessen des 19. Jh. und stehen dem ökonomischen und sozialen Fortschritt im Wege. Erst eine bürgerliche Industriegesellschaft macht es ökonomisch überhaupt möglich die soziale Frage zu stellen und einen umverteilenden Wohlfahrtsstaat zu installieren.

Der klassische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) gilt als wichtigster historischer Impulsgeber für den Freihandel. Seine unterstellten Handelsvorteile für beide Partnerstaaten haben jedoch nur eingeschränkt Geltung. Handelt die USA mit Angola, dann stehen sich im Boxring der Schwergewichtsweltmeister und ein zartes Kind gegenüber. Wer ungleiches gleich behandelt, behandelt bekanntlich ungleich.

Das politökonomische Programm das mir für Argentinien sinnvoll erschiene, sieht völlig anders aus als die vom Herausgeber des argentinischen Tageblatts geforderte Konzentration auf die Landwirtschaft:

1. Kompromissloser Kampf der Korruption und der Misswirtschaft auf allen Ebenen. Vor allem im Staat und seinen Institutionen, um politisch, juristisch und fiskalisch überhaupt handlungsfähig zu werden.
2. Umfassende staatliche Investitionen in das Humankapital der argentinischen Bevölkerung, sprich deutliche Qualitätssteigerungen in Schulen und Universitäten bei Beibehaltung des freien Bildungszugangs.
3. Massive staatliche Anreize für private Forschung und Entwicklung, umfangreiche öffentliche Direktinvestitionen in diesem Sektor sowie staatsnahe „Start-up“ Projekte in modernen Industrien.
4. Staatliche Investitionsanreize damit die erwirtschafteten Profite nicht in ausländischen Finanzanlagen, sondern in den argentinischen Wirtschaftsstandort investiert werden.
5. Massive Investitionen in die öffentliche Infrastruktur um der wirtschaftlichen Entwicklung ein solides Gerüst zu bieten.
6. Schaffung eines modernen Wettbewerbsrechts sowie umfassender Konsumentenschutzmaßnahmen um die Effizienz und Qualität der heimischen (Oligopol-)Unternehmen zu verbessern.
7. Schaffung einer lateinamerikanischen Freihandelszone ohne Ausnahmen (Super-Mercosur) mit vorübergehenden moderaten Schutzmaßnahmen gegenüber dem Rest der Welt zum Aufbau einer wettbewerbsfähigen lateinamerikanischen Binnenindustrie.
8. Schaffung einer einheitlichen lateinamerikanischen Währung in die die Menschen Vertrauen haben.
9. Kontinuierliche tarifliche und fiskalische Umverteilung der Einkommen auf ein europäisches Gleichheitsniveau. Einerseits aus Gesichtspunkten der sozialen Gerechtigkeit, andererseits zur Schaffung einer stabilen Binnenkonsumnachfrage.
10. Noch eine kulturelle Anmerkung: Geistige Lösung von Europa. Der Westen wird dieses Land niemals retten. Argentinien und Lateinamerika können sich nur selbst helfen.

Zweifellos ist Argentinien kein Entwicklungsland und liegt ökonomisch im internationalen Vergleich im guten Mittelfeld. Der IWF platziert den Staat am Rio de la Plata für 2008 in einer Liste nach BIP pro Kopf gemäß Kaufkraftparität auf Platz 59 von 181 Staaten. Mit rund 14.000 US-Dollar pro Kopf ist es aber immer noch relativ weit entfernt von den westeuropäischen Staaten die zwischen 35.000 und 40.000 Dollar liegen, sowie noch weiter von den USA deren Kaufkraft pro Kopf mit 47.000 Dollar angegeben wird. Punkto Infrastruktur und Industrie ist vieles vorhanden, das Land muss nicht bei Null beginnen. Wenn Argentinien mittelfristig den Anschluss an die westlichen Industriestaaten schaffen will, dann wird das – bei aller Wichtigkeit des interkontinentalen Außenhandels – nur über die Schaffung einer lateinamerikanischen Binnennachfrage funktionieren. Der Welthandel kann den Wohlstand befördern, geschaffen werden kann er aber nur durch den Aufbau einer schlagkräftigen ökonomischen Infrastruktur. Diese darf in der Entstehungsphase auch durch dezente Zölle geschätzt werden. Argentinien und Lateinamerika müssen ihre eigene, hoch entwickelte Industrie schaffen.

Mittwoch, 27. Mai 2009

Auf die Inhaftierten, die Toten und das Vaterland!

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Kürzlich, am 25. Mai (Tag der Mairevolution 1810), hatte ich eine interessante Erfahrung die mir ein weiteres Stück Argentinien eröffnet hat. Ich wurde von einem argentinischen Paar mit dem ich ein freundschaftliches Verhältnis pflege anlässlich des Feiertages zum Essen eingeladen. Auch zwei Freunde von ihnen waren dabei, insgesamt vier argentinische Erwachsene aus der oberen Mittelschicht mit Kindern. Sabina, Edu, Sebi und Dolores sind zwischen Mitte 40 und Ende 50. Es sind Menschen die im zwischenmenschlichen Umgang sehr liebenswert sind, denen aber nichts heilig ist. Eine sehr angenehme Mischung, bei der für mein Empfinden die Freiheit nicht zu kurz kommt.

Die Erklärung der Unabhängigkeit am 25. Mai 1810 als Geburt der argentinischen Nation in einer ihrer berühmtesten Darstellungen von Pedro Subercaseaux.

Ich wusste dass wir auf einem Pologelände essen, weil Sabinas erwachsener Sohn, der in Europa lebt, dort viel geritten ist und die Familie Mitglied in diesem Poloklub ist. Das Gelände ist sehr schön und für Großstädter/innen eine grüne Oase. Auf dem Hinweg wurde mir gesagt, dass der Poloklub im Besitz des Militärs sei. Wir nahmen in einem großen Raum Platz, wo ungefähr noch zehn Tische mit größeren Familiengruppen saßen. Es waren auffallend viele alte Leute dort und die älteren Herren sahen alle aus wie man sich Mitglieder einer Militärjunta vorstellt. Eine Mischung aus SS und Mafiosi, streng, autoritär und elegant. Typen vor denen man Angst hätte, wenn sie 30 Jahre jünger wären.

Polo, der Sport der Wohlhabenderen und richtig Reichen. Einer von vielen englischen Einflüssen in der argentinischen Gesellschaft.

- Sabina: "Das alles hier sind ehemalige Offiziere"
- Ich: "Und das gesamte Gelände gehört dem Militär?"
- Sebi: "Das alles müssen wir mit unseren Steuern zahlen!"
- Edu: "Ich hoffe wir müssen nicht die Nationalhymne singen um das Essen zu bekommen"
- Alle: Gelächter

Das Essen kommt, dazu werden kleine Schleifen (Typus Aidsschleife) ausgeteilt und auf jedem Tisch ein Fähnchen platziert. Alles natürlich in den Nationalfarben Blau-Weiß. In der nächsten dreiviertel Stunde machen Edu und Sebi das, was Argentinier/innen am Liebsten machen. Sie reden ihr Land und ihren Staat in Grund und Boden und erklären dass Argentinien ein einziges, unorganisiertes Desaster ist. Sie erklären mir welche Politiker ihre 21-jährigen Söhne auf welche öffentlichen Spitzenpositionen gesetzt haben, wo die Verwaltung überall illegal mitschneidet und wie die Wahllisten zustande kommen. (Es kandidieren für die nationalen Wahlen alle Bürgermeister und Gouverneure wegen ihrer Bekanntheit, um dann ihr Mandat für den Senat nicht anzunehmen und völlig Unbekannte Leute ins Parlament einziehen. Überdies kandidieren auf vielen Listen auch Verwandte von Regionalpromis, nur weil der Name schon bekannt ist. Das ist in der Tat dreist.) Edu und Sebi fragen mich, ob ich glaube, dass dies in einem anderen Land der Welt möglich ist und noch bevor ich antworten kann, kommen sie zum üblichen Conclusio: Argentinien sei ein Land der Diebe und Räuber.

So fesche Fähnchen wie diese wurden in Blumenvasen den Militärs und uns mit dem Essen mitserviert. Eine skurrile Szene.

In dem Augenblick erheben sich alle ehrfurchtsvoll zur Nationalhymne. Es beginnt eine typische Hymne aus dem Radio zu dröhnen, ich bin zunächst etwas erleichtert dass nicht gesungen, sondern nur zugehört wird. Nach einer Minute setzen allerdings alle beim exakt gleichen Takt ein um lauthals – wie man es sich in Österreich überhaupt nicht vorstellen kann – die Nationalhymne hinauszutrompeten. Es gibt noch eine Instrumentalphase, dann setzen wieder alle im Raum exakt ein und bringen das recht lange Stück zu Ende.

- Dolores: „Mir rinnt es immer kalt runter bei der Nationalhymne (In dem Moment rinnt es mir kalt herunter). Obwohl ich so was von überhaupt keiner Patriotin bin (In dem Moment wird mir wieder wärmer). Aber das Lied ist schön." (Da ich auch Hymnen mag ohne Staatspatriot zu sein, wird mir richtig warm).
- Edu: "Ich hoffe wir müssen nicht die Nationalhymne singen, um die Nachspeise zu bekommen"
- Alle Gelächter
- Ich: „Es gibt so schöne Hymnen, z.b. die Russische (ehem. Hymne der Sowjetunion), die französische oder die Englische.“

Die Gruppe kennt die Englische Hymne nicht. Ich beginne so gut ich kann „God save the Queen“ vorzusummen.

- Sebi: „Möchtest du nach Österreich zurückkehren?“
- Ich: „Ja“
- Sebi: „Falls du das nicht in einem Sarg tun willst, dann hör auf hier die britische Hymne zu singen“
- Alle: Gelächter

Ich vergaß in diesem Moment, dass die britische Hymne bei den Militärs nicht sooooooooo beliebt sein dürfte. Den Falklandkrieg gegen England hatte ihre Militärregierung verloren, die dann noch ob dieses Umstandes abgesetzt wurden. Heute sind die „Malvinas“, wie die Falklandinseln in Argentinien heißen, ein Steckenpferd rückwärtsgewandter Supernationalisten. Diese versuchen den Falklandkrieg als Heldenkrieg gegen die englische Kontrolle der völlig uninteressanten „Malvinas“ darzustellen. Der 4. April ist ein anderer Staatsfeiertag, an dem jährlich der Toten des Falklandkrieges gedacht wird. Dass dieser Krieg nichts anderes war als ein gescheitertes Ablenkungsmanöver einer auf Staatsterror basierenden Militärdiktatur die wirtschaftlich bankrott war, wird meiner Meinung nach zu wenig betont.

„Die Falklandinseln sind argentinisch.“ Die Realitätsverweigerung setzt sich auch auf Landkarten fort, wo die Malvinas stets als argentinisch gekennzeichnet sind.

- Edu: Schau, mit dem Falklandkrieg war es so. Bei Kriegsausbrauch standen die Massen am Plaza de Mayo um nationalistische Parolen zu schwingen (Typus: Herzblut fürs Vaterland) und Staatschef Leopoldo Galtieri ihre patriotische Unterstützung zuzusichern. Ein paar Wochen später, der Krieg war verloren, gingen die Leute durch die Straße und bezeichneten Galtieri als „Hijo de Puta“. So ist Argentinien.“

(„Hijo de Puta“ möchte ich nicht übersetzen, weil Deutsch für so harte Schimpfwörter zu sensibel ist. In Argentinien ist man weniger heikel. Sabina bezeichnete bei anderer Gelegenheit den im Fernsehen sprechenden Präsident Kirchner, ohne mit der Wimper zu zucken als„Hijo de Puta“. Im Beisein ihrer siebenjährigen Zwillinge! Diese gehen übrigens auf eine katholische Privatschule.)

Nach der Nachspeise wurde Sekt ausgegeben. Der ranghöchste pensionierte Militär, immerhin ein Oberst, erhob das Glas und sprach einen Toast, in dem er vor allem über die seiner Meinung nach ungerechte Verfolgung ehemaliger Militärs durch die Justiz sprach. (Die Regierung Kirchner setzt sich intensiv für eine strafrechtliche Verfolgung der Staatsverbrecher ein.) Es schloss mit den Worten: „Auf die Inhaftierten, die Toten und das Vaterland!“


Die Militärdiktatur


Die Skurrilität meines Erlebnisses soll den klaren Blick auf die Brutalität der argentinischen Militärdiktatur nicht bagatellisieren. Das Militärregime, das von 1976 bis 1983 an der Macht war zählt zu den grausamsten seiner Art in Lateinamerika. Mit aktiver Unterstützung der USA wurden in sämtlichen lateinamerikanischen Staaten Militärregimes errichtet, um die wirtschaftlichen Interessen des Westens zu wahren und einen Schwenk Lateinamerikas Richtung Sozialismus und Sowjetunion zu verhindern.

Jorge Rafael Videla, der erste von mehreren Staatschefs der Militärdiktatur, verschleppte, folterte und mordete von 1976 bis 1981.

„Zwei Jahrzehnte – von 1965 bis 1985 – dominierten Militärdiktaturen das politische Gesicht Lateinamerikas. Im Jahre 1976 wurden nur noch (das quasi-autoritär regierte) Mexiko, Venezuela, Kolumbien und Costa Rica nicht von einer Diktatur oder Militärdiktatur regiert.“, schreibt die Webseite über Lateinamerikastudien. Konkret bedeutet dies, dass in folgenden Staaten die Militärs geherrscht haben:

Argentinien
Bolivien
Brasilien
Chile
DomRep
Ecuador
El Salvador
Guatemala
Haiti
Honduras
Nicaragua
Panama
Paraguay
Peru
Uruguay

Das argentinische Militär übernahm 1976 nach einer chaotischen innenpolitischen Phase mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen die Macht. Von Anfang an wurde ein physischer Vernichtungskrieg gegen linke Oppositionelle, Mitglieder von Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen geführt. Aber auch jene die Verfolgten Unterschlupf gewährten waren in höchster Gefahr, sowie alle die verdächtigt wurden die „Subversion“ zu unterstützen. Verdächtig war man beispielsweise allein schon dadurch, dass man jung war oder als Mann einen Vollbart trug. Die Verschleppten wurden in geheime Gefängnisse gebracht, brutal gefoltert und anschließend ermordet. Oft wurden sie unter Drogen gesetzt und von Schiffen oder aus Flugzeugen ins Meer geworfen. Schwangere Frauen, ließ man noch ihre Kinder gebären und tötete sie anschließend. Die Babys wurden angehörigen der Rechten in Argentinien und Uruguay zur Adoption übergeben. Viele Erwachsene haben erst in den letzten Jahren in Erfahrung gebracht, wer ihre Eltern waren. Mittlerweile gibt es eine NGO für in diesem Zeitraum adoptierte Kinder, die Verdacht schöpfen ihre Eltern könnten zu den Verschleppten gehören. Insgesamt wurden 30.000 Menschen von den Militärs ermordet, während dessen Führer in Europa hofiert wurden und mit ihrer ultraliberalen Wirtschaftspolitik zu Liebkindern des Internationalen Währungsfonds avancierten.

Der argentinische Kreuzer Belgrano säuft ab, nachdem er von einem britischen U-Boot versenkt wird. Alleine dabei starben über 300 Menschen.

1982 war die von den Militärs verursachte wirtschaftliche Lage so desaströs, dass es immer häufiger zu öffentlichen Protesten und Streiks kam. Um sich an der Regierung zu halten griffen die Militärs auf ein altbewährtes Mittel zurück, sie konstruierten einen Außenfeind und führten gegen selbigen Krieg. Die südatlantischen Falklandinseln, auf denen nur rund 2000 Menschen leben, sollten zu diesem Zwecke den Briten militärisch entrissen werden. Der Krieg wurde von der Militärjunta mit zuvor in Deutschland und England gefertigtem Kriegsgerät geführt! Wenn Margret Thatcher Argentinien jemals einen Gefallen getan hat dann war es jener, nicht wie die Militärs gehofft hatten auf den bedeutungslosen Felsen zu verzichten, sondern mit einem militärischen Gegenschlag zu reagieren. Dieser kostete zwar 650 Soldaten das Leben, führte aber zum Ende der Militärdiktatur. Leider auch zur Wiederwahl Thatchers im Vereinigten Königreich.

Die Mütter der Plaza de Mayo marschieren nach wie vor jeden Donnerstag am Hauptplatz von Buenos Aires auf um ihre Forderungen kundzutun. Ex-Präsident Kirchner schenkte ihnen auch politisch sein Gehör.

Das Ende der Militärdiktatur in Argentinien ist erst 26 Jahre alt. Heute werden erbitterte Auseinandersetzungen über die strafrechtliche Verfolgung von Angehörigen dieses Terrorregimes geführt. Der ehemalige Staatschef Videla, der für einen Großteil des Grauens verantwortlich war operierte nach dem Prinzip: „Es müssen so viele Menschen wie nötig in Argentinien sterben, damit das Land wieder sicher ist.“ Videla saß nach dem Ende der Diktatur immer wieder im Gefängnis und kam zwischenzeitlich wieder frei, derzeit ist er inhaftiert. Der Kongress hat vor einigen Jahren mehrere Amnestiegesetze aufgehoben und die Regierung Kirchner macht Druck auch die Verfahren gegen niedrigrangige Militärs zu beschleunigen, aber die Richterschaft beklagt sich, dass sie nicht genug Personal hätte um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Seit 1977 und bis heute demonstrieren die „Madres de la Plaza de Mayo“, also die Mütter der "Desaparecidos" (Verschwundenen), jeden Donnerstag dafür, dass die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden. Die Madres waren damals 1983 am Sturz der Militärregierung maßgeblich beteiligt und sind bis heute ein politischer Faktor in Argentinien.

Montag, 18. Mai 2009

Der Tango, die Alte Welt und die argentinische Seele…



In meinem folgenden Eintrag greife ich neben eigenen Erfahrungen auf drei Quellen zurück. Die wichtigste und kompetenteste Quelle ist das Buch „Kulturschock Argentinien“ von Carl D. Goerdeler, das ich jeder Person die sich mit Argentinien beschäftigt empfehlen würde. Der Korrespondent mehrer deutschsprachiger Zeitungen geht mit dem Land hart ins Gericht und wird teilweise zynisch und herablassend, nur selten blitzt ein bisschen Sympathie für die Argentinier/innen und ihre Gesellschaft durch. Trotz des etwas preußisch-arroganten und eurozentristischen Blickwinkelns ist es das informativste Buch über Argentinien. Als weitere Quelle dient Maike Christens „Tango tanzen in Buenos Aires,“ das nahe liegender Weise vor allem den Bereich Tango dieses Eintrags abdeckt. Wichtig für diesen Text ist auch noch der „Lonely Planet Argentinien“, das Standardwerk für Reisende mit viel Interesse und wenig Geld.


Die Psyche einer Gesellschaft


„Ein Argentinier ist ein Italiener der Spanisch spricht und glaubt er sei ein Engländer.“

„Argentinien ist das europäischste Land Lateinamerikas weil seine Bewohner von den lateinischsten Regionen Europas stammen.“

„Der Argentinier ist ein Europäer, dem keiner mehr schreibt.“

Goerdeler ist der Auffassung es gäbe kein anderes Land auf der Welt, dass sich so mit sich selbst und seiner eigenen Identität beschäftigt. „Wer sind wir?“ ist die Frage zu der es in Argentinien massenhaft Literatur gibt. „Sind die Argentinier nun Lateinamerikaner oder Europäer, die durch Zufall in diesen entlegenen Teil der Welt gelangt sind? (…) Die Unsicherheit darüber wer sie nun eigentlich selber sind ist vielleicht der archimedische Punkt, um den sich in Argentinien alles dreht,“ so Goerdeler.

Während sich die Bevölkerung Mexikos teilweise mit Stolz auf ihre aztekischen Wurzeln besinnt, wollen die Argentinier/innen mit denen von ihnen fast vollständig ausgerotteten indigenen Kulturen nichts zu tun haben. Manchmal erzähle ich meinen argentinischen Bekannten, dass die meisten Menschen in Europa keine klare Vorstellung davon haben, wie sich das Lateinamerika zwischen Rio Grande und Feuerland unterschiedet. Für die meisten seien das eben alles irgendwie Latinos. Darauf reagiert mein jeweiliges Gegenüber stets sehr enttäuscht und es wird etwas resignierend und abfällig angemerkt, dass man die Argentinier/innen im Ausland für Indiander und Wilde halte. Man möchte aber in der Welt so gerne als westlicher Industriestaat mit europäischer Kultur wahrgenommen werden.

Der Staatsphilosoph Alberdi machte im 19. Jh. unmissverständlich klar: „In Amerika ist alles, was nicht europäisch ist, barbarisch. Man müsse „Europa nach Amerika bringen“. In der Mitte und im Süden des Landes, wo die Einheimischen als Nomaden lebten, rottete man in mehreren Feldzügen alles aus was man vorfand (Dabei wurden vorwiegend schwarze Soldaten eingesetzt, womit man beträchtliche Teile der Nachfahren der afrikanischen Sklaven auch gleich eliminierte). Im Norden wurden die sesshaften indigenen Kulturen assimiliert. Diese „Zivilisierung“ im europäischen Sinne gelte aber nicht nur bezüglich der Indigenen, auch „aus einem Gaucho (argentinische Cowboy Anmk.) macht man in 100 Jahren keinen englischen Arbeiter“, beschwert sich Alberdi.


Die Cowboys Argentiniens. „Die Gauchos verachten den Tango, sie spucken auf Buenos Aires und das gelackte Gesindel der Großstadt.“ Man weiß nicht ob Goerdeler hier die Gauchos für sich sprechen lässt, aber er bringt’s so schön auf den Punkt, dass wir einmal annehmen wollen es sei was Wahres dran.

„Europa ist das Zentrum der Zivilisation und steht für den Fortschritt der Menschheit. Wir haben keine andere Wahl, uns nach Europa zu orientieren (…)“ so Präsident Sarmiento im 19. Jh. Allerdings meinte Sarmiento damit vorwiegend nicht die armen Migrant/innen aus Italien für die er stets Verachtung überhatte, sondern Menschen aus den seiner Ansicht nach arbeitsamen Regionen Nordeuropas (v.a. Deutschland und Großbritannien). Er ging sogar so weit die europäische Kultur als Gegenmodell zu den spanischen Sitten darzustellen. In den argentinischen Pampas ließen sich bereits die Unterschiede feststellen zwischen „[…] der deutschen oder der schottischen Kolonie südlich von Buenos Aires und dem Dorf, das sich im Hinterland bildet: bei der ersten sind die Häuser gestrichen, die Fassaden immer gepflegt […] und die Einwohner sind in andauernder Bewegung und Aktivität. Sie melken Kühe, produzieren Butter und Käse, und einige Familien haben es sogar geschafft, ein Vermögen zu verdienen und in die Stadt umzuziehen, um ihren Wohlstand zu genießen. Das Dorf der Eingeborenen (bereits seit längerem ansässige Menschen mit südeuropäischen Wurzeln
Anmk.) ist die niederträchtige Rückseite dieser Medaille.“

Dieser "freundliche" Herr Namens Sarmiento war Mitte des. 19. Jh. Präsident Argentiniens und gilt wegen seiner Förderung der Bildung als Pädagoge des Landes. Bildung hieß europäische Bildung wie sein Werk „Civilización y barbarie“ unmissverständlich klar macht. Sein Nachfolger rottete in diesem Sinne gleich alle verbliebenen Indigenen in Patagonien aus.

Der Identitätskonflikt hat sich tief in die Seele der Menschen in Argentinien eingebrannt und hinterlässt bis heute seine Spuren. Schon nach wenigen Minuten erzählen die Argentinier/innen von ihren Vorfahren aus Italien, Spanien oder Deutschland. Sie sind stolz wenn sie „Weichand“ heißen, oder sogar noch Kontakt mit europäischen Verwandten haben.
Argentinien schaut nach Europa und will von Europa anerkannt werden. Erst wenn in Europa argentinische Künstler Anerkennung finden, sind sie auch in der Heimat geachtet. Dies gilt beispielsweise für Fußballstars, einen der prominentsten Exportartikel Argentiniens. Aber es traf auch auf den Tango und seinen berühmtesten Vertreter Carlos Gardel zu und selbst der Hype um Che Guevara wäre wohl in dessen Herkunftsland nicht so ausgeprägt, wenn er nicht in den 1960er-Jahren auf den Straßen Paris’ und Berlins zum Superstar gekürt worden wäre. Goerdelers Conclusio: „Argentinien wollte also niemals die Nabenschnur zu Europa abschneiden. Und das bedeutet, um im Bild zu bleiben, dass die Nation niemals erwachsen wurde, sich emanzipierte, ihren eigenen Weg suchte, sich in Amerika einrichtete. (…) Die mentale Verankerung in die alte Welt ist die Paranoia Argentiniens.“


Der Tango



Was hat das argentinische Identitätsdrama mit dem Tango zu tun? Nun, auf den zweiten Blick mehr als man meinen möchte. Laut Maike Christen sind die Portenos (Bewohner/innen von BsAs) der Meinung, dass Buneos Aires die wahre Hauptstadt Europas sei weil die 14-Millionen Metropole ein Schmelztiegel der Alten Welt ist. Aus diesem Durcheinander europäischer Sprachen, Musiken und Kulturen sei der Tango geboren, „aus der Fusion von Alter Welt und Neuer Welt, aus Armut und Heimatlosigkeit, Sehnsucht und der Suche nach Geborgenheit in der Umarmung eines Tanzes.“ wie Maike Christen ausführt.

Die meist männlichen proletarischen Zuwanderer aus Europa ließen sich in den Vorstädten von Buenos Aires nieder und vermissten ihre zurückgelassenen Frauen sowie ihre Heimatländer. In Cafés und Bordellen versuchten sie ihre Einsamkeit beim Tanz mit Kellnerinnen und Prostituierten zu vergessen. In diesem Milieu wurde aus spanischen, italienischen und afrikanischen Einflüssen (Trommeln) der Tango geboren. „Es war eine kraftvolle Mischung aus Machismo, Leidenschaft und Verlangen. Verzweifelt und aggressiv. (…) Der Tango spiegelte die neuen Erfahrungen der Einwanderer in der Großstadt wieder und erinnerte voller Wehmut an ein aufgegebenes Leben.“ heißt es im Lonely Planet. „Ein Schuss Andalusien, ein wenig Normandie, die Gaucho-Tradition, die Milongas, die man auf dem Lande tanzte, das Schifferklavier (Bandoneon – die Ziehharmonika: der deutsche Beitrag zum Tango!) und natürlich kiloweise Sentimentalität, Tristezza, Heimweh.“ so bringt Goerleder auf den Punkt was seiner Auffassung nach Tango ist.

Migrant/innen aus Südeuropa hoffen im frühen 20. Jh. auf ein besseres Leben in Amerika. Aus Buenos Aires sind auch viele wieder enttäuscht heimgekehrt.

Erst als der Tango in den 10er-Jahren des 20. Jh. seines Siegeszug in Europa (v.a. Paris) und den USA antrat, wurde er auch von der argentinischen Oberschicht akzeptiert. Als die Tangowelle nach Europa Anfang überschwappte, sah sich Papst Pius X. genötigt vor der Immoralität dieses Tanzes zu warnen, die offenbar etwas prüden Heeresleitungen in Berlin und Wien verboten ihren Soldaten Tango zu tanzen.

Carlos Gardel ist eine essentielle argentinische Symbolfigur. Die Popularität des Tangostars war grenzenlos. Als er 1935 bei einem Flugzeugabsturz verunglückte, kam es in den Straßen von Buenos Aires zu enthusiastischen Trauerszenen.

Der Tango hatte seine Blüte in der ersten Hälfte des 20. Jh. Ab den 1950er-Jahren begann er an Bedeutung zu verlieren, der Rock n’ Roll setzt sich auch am Rio de la Plata durch. Unter der Militärdiktatur der 1970er-Jahre wurde der Tanz von den herrschenden Eliten sogar als anrüchig abgelehnt. Der Tango war bis weit in die 1990er-Jahre faktisch tot und hat sein Dasein nur noch in Touristenlokalen gefristet. Die heute 30-60-jährigen haben den Tanz als Junge gar nie gelernt. Gleichzeitig wurde der Tango als Exportprodukt in den Westen allerdings wieder populär und ist vor ca. zehn Jahren in sein Ursprungsland zurückgekehrt, von wo aus er wieder neue Impulse rund um den Globus schickt wie Christen das beschreibt. Goerleder sieht in der jüngsten Renaissance hingegen nur einen touristischen Abklatsch einer längst vergangenen Epoche, die mit dem heutigen Argentinien nichts mehr zu tun hat.

Das Conclusio des bisher Geschriebenen ist, dass der Tango der offensichtlichste Ausdruck einer chronischen Identitätskrise der Argentinier/innen im Allgemeinen und der Portenos im Speziellen ist. Es heißt, der Tango sei ein trauriger Gedanke den man tanzt. Diese Trauer ist die sentimentale Beziehung der Tagelöhner aus Neapel oder Galizien zur Alten Welt. Ein Kernelement argentinischer Kultur ist aus dem Heimweh geboren und diese pathologische Beziehung zu Europa ist bis heute nicht abgerissen.


Meine Tangowelt in Buenos Aires

Die Tangotanzbar nennt sich Milonga und ist eine konzeptuell simple, aber für einen im Wien der 2000er-Jahre lebenden Menschen trotzdem außergewöhnliche Einrichtung. Architektonisch sind Milongas meist in älteren Gebäuden untergebracht, die ihre besten Zeiten schon längst hinter sich gelassen haben. Man muss dazu sagen, dass Argentinier/innen diesbezüglich insofern eher amerikanisch als europäisch sind, als die alte Bausubstanz verfallen lassen oder wegreißen, während sie es todschick finden in einem modernen Wolkenkratzer zu leben. Daher haben die Milongas durchwegs etwas Schäbiges und die alten Bilder und Fotos aus den besseren Zeiten sorgen für ein sentimentales bis verstaubtes Ambiente. Zweifellos haben die Milongas Charme, und der Umstand dass selbiger offensichtlich abbröckelt macht die Angelegenheit fast romantisch. Als „arm aber sexy“, würde der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit diese Atmosphäre wohl bezeichnen.

Verkehrte Welt: Die schönen alten Häuser werden von den Portenos tendenziell vernachlässigt. Lieber lebt man in den für europäische Geschmäcker nicht gerade ästhetischen Hochhäusern.

Da Portenos absolute Nachtmenschen sind beginnt die Milonga frühestens um 23:00, wobei man vor Ort Getränke und einfache Speisen bekommt. Jetzt im Mai beginne ich auch darunter zu leiden, dass es keine Heizungen gibt. Das Motto lautet „Tanze oder Friere“. Je nach Programm gibt es entweder Musik aus der Dose oder es spielt eine Band. Die Tische sind in U-Form um die Tanzfläche aufgestellt, man sitzt aber immer mit Blick zur Tanzfläche. Kommt man zu zweit sitzt man sich also nicht gegenüber sondern quasi in Reihen nebeneinander. Vor allem jetzt wo die Tourismussaison vorbei ist, hat man angenehm viel Platz. Wenn die Musik beginnt braucht man nicht lange auf Eisbrecher/innen warten, in kürzester Zeit sind die ersten Paare af der Tanzfläche. Einmal aufgefordert tanzt man eigentlich vier Tänze, aber mindestens zwei. Tatsächlich haben nach spätestens zwei Stunden fast alle mit fast allen getanzt, zumindest innerhalb jener Leute deren tänzerisches Niveau dies zulässt. Also jene Leute zu denen ich nicht gehöre. Mit mir tanzen entweder meine mitleidserfüllte Tangolehrerin oder mutige Anfängerinnen die ich aus der Tangostunde kenne.

So sieht eine klassische Milonga aus. Eine der Hauptaufgaben des Mannes ist es dafür zu sorgen nicht zu kollidieren. Echte Profis machen tolle Schrittfolgen auf kleinstem Raum

Während es früher eine richtige Zeichensprache fürs Auffordern gab, fragen die Menschen jetzt einfach ganz locker. Da Tango ein Tanz ist, der aus einer extrem machistischen Tradition stammt, fordern bis heute immer die Männer auf. Es gibt keine Damenwahl. Zwischendurch werden jeweils ein paar Folklorenummern getanzt, die beim Publikum wegen ihrer Einfachheit mindestens so beliebt sind wie der saukomplizierte Tango selbst. Argentinien ist so elegant wie Italien nur mit weniger Geld, insofern ist es angenehm, dass die Tourist/innen einen recht legeren Kleidungsstil in den Milongas durchgesetzt haben. Die Milonga dauert bis vier in der Früh.

Konst und Sarah hatten das Vergnügen in sechs Tagen Buenos Aires zwei Tangostunden zu nehmen und eine Milonga zu besuchen. Hier ihre ersten selbstständigen Schritte in der ungeheizten, dafür aber nicht isolierten Independencia 572. Der Beginn einer großen Showkarriere?

Ich tanze am Dienstag in einer Riesen-WG die aus lauter Lateinamerikaner/innen besteht. Die beiden Tanzlehrer/innen sind allerdings eine Italienern und ein Franzose. Am Freitag tanze ich bei einem argentinischen Lehrer, das Publikum besteht hauptsächlich aus Argentinier/innen und ein paar Franzosen. Wir tanzen gleich unmittelbar vor Ort, dort wo ein paar Minuten nach Ende der Stunde die Milonga beginnt. Die absolut freundliche und unkomplizierte Lockerheit der Portenos überträgt sich in der Klasse immer auch auf die europäischen Tangoneulinge. Da alles super-flexibel ist und man pro Stunde zahlt, gibt es immer nur einen Kern an Leuten die regelmäßig kommen. Das stört aber nicht, im Gegenteil, ich habe die Flexibilität schon genützt um auch einmal Samba, Salsa, argentinische Folklore und Milonga (in seiner Zweitbezeichnung steht das Wort für eine schnelle Version des Tango) zu tanzen. Außerdem habe ich mehrere Tango-Lehrer/innen ausprobieren können.

Die Cochabamba 444 ist derzeit meine Lieblings-Milonga. Der Laden ist eher kleiner, die Atmosphäre sehr familiär und jede/r kennt jede/n.

Jene Tangowelt die ich in Buenos Aires antreffe kommt mir keinesfalls künstlich oder aufgesetzt vor. Es ist definitiv eine Szene die stark expandiert und die in Buenos Aires lebenden Europäer/innen sind dabei eine wichtige Stütze. Vor allem in San Telmo, wo ich mich punkto Tango in erster Linie bewege, ist die Anzahl von französischen Tänzer/innen enorm. Viele junge Argentinier/innen versuchen sich den Tango anzueignen und die europäisch-argentinische Tangomischung die in Buenos Aires in der Luft liegt belebt einerseits einen Supertanz aufs Neue, andererseits experimentiert sie und kreiert etwa im Bereich des Elektrotango neue Genres.

Zum Abschluss dieses Eintrags darf natürlich eine musikalische Untermauerung nicht fehlen. Selbst Carlos Gardel, der größten Tangostar aller Zeiten, verkörpert das argentinische Identitätsproblem. Geboren 1890 in Toulouse geboren, wächst er ab seinem dritten Lebensjahr in Buenos Aires auf und wird sowohl von Frankreich als auch von Argentinien als Teil des jeweiligen kulturellen Erbes betrachtet. Aber er liebt Buenos Aires. Mi Buenos Aires querido

Donnerstag, 7. Mai 2009

1. Mai in Buenos Aires

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Den ersten Mai hätte ich beinahe vollständig verpasst. Das liegt daran, dass die Argentinier/innen am 1. Mai einen schönen freien Feiertag im Privaten zelebrieren möchten und daher zumindest heuer die Aufmärsche auf den 30. April vorverlegt hatten! Dies wurde mir spätestens klar als am 30. April ab ca. bereits 10:30 Vormittags im CAINA (meinem Straßenkindertagesheim) aus allen Richtungen Böller zu hören waren. Ich habe die Aufmärsche nach der Arbeit spontan besucht und daher auch keine eigenen Fotos sondern nur solche, die ich von den Internetseiten der hiesigen Tageszeitungen zusammengefladert habe.

Die Demonstration die ich beobachtete wurde von der größten und wichtigsten Gewerkschaft organisiert, der Confederación General del Trabajo de la República Argentina (CGT). Dabei handelt es sich um eine ideologisch nicht ganz klar zuordenbare, große bürokratische und staatstragende Organisation die sich auf den Peronismus beruft, in den 1990er-Jahren jedoch teilweise mit dem neoliberalen Regime von Präsident Menem zusammengearbeitet hat. Das wesentliche Gegenstück zur CGT ist die Central de los Trabajadores Argentinos (CTA). Diese ist stärker von linksperonistischen Strömungen dominiert, stand in Opposition zu Menem und stützt sich vor allem auf die Beschäftigen des öffentlichen Dienstes.



Es war nicht uninteressant, aber leider etwas enttäuschend, was die CGT auf er Avenida 9. Julio (der breitesten Straße der Welt) aufbot. Die Organisation war nicht schlecht. Busse voller Menschen wurden nicht nur aus Buenos Aires Stadt und Provinz, sondern sogar aus weit entfernt liegenden Provinzen wie „La Pampa“ angekarrt, wie die zahlreichen Transparente verrieten. Je nach Subgewerkschaft waren sämtliche Demonstrant/innen in den entsprechend gefärbten Overalls eingekleidet, die Transparente waren farblich darauf abgestimmt. Die Gewerkschaft sprach von 150.000 Teilnehmer/innen, andere Schätzungen gehen von unter 100.000 aus. So oder so, für ein Einzugsgebiet von 20 Millionen Menschen war es eigentlich keine eindrucksvolle Angelegenheit. Selbst wenn die SPÖ Wien und ihre Polizei mit der Zahl von 100.000 Teilnehmer/innen am Rathausplatz vielleicht etwas übertreiben, 50.000 werden es schon sein. Im Verhältnis dazu müsste in Buenos Aires mindestens eine halbe Million mitmarschieren.

Des weiteren waren die Demonstrant/innen zum absolut überwiegenden Teil Männer. Frauen waren die totale Ausnahme und wenn sich eine Passantin auf die Avenida 9. Julio verirrte, begleitete sie ein 2-minütiges Pfeifkonzert (so lange dauert es bis man dieses Monstrum überquert hat). Das in rauen Mengen aus abgemischten Plastikflaschen getrunkene Cola-Rot trug das seine zu den feurigen Nachpfeiforgien bei. Da lobt man sich das brave Wien mit seinen disziplinierten 1-Mai Pensionist/innen, die sich strikt an das Alkoholverbot halten. Dafür war die Stimmung natürlich deutlich spritziger als am Rathausplatz. Riesige Trommelgruppen sorgten für eine Mischung aus Samba und Marschmusik, die Leute skandierten ihre mir kaum verständlichen Forderungen inbrünstig in die Luft und regelmäßige Böller sorgten für ein bizarres Ambiente zwischen Jahrmarkt und Krieg.



Spätestens als ich die Bühne erblickte wurde mir alles klar. Die argentinische Gewerkschaftsbewegung lebt nicht im 21. Jh. wie die gewaltigen, doppelt angebrachten Konterfrei von Peron und Evita eindrucksvoll verrieten. In den 1950er-Jahren war beinahe die Hälfte der Arbeiterschaft in der Gewerkschaft organisiert. Ähnlich wie einst die österreichische Sozialdemokratie und der ÖGB entfalteten die argentinischen Syndikate ein Eigenleben mit Ferienheimen, Schulungszentren, Entbindungsstationen, Pensionskassen und Altersheimen. Selbst die Größe der Kränze für ein standesgemäßes Proletariergrab wurde genormt. Sie wurden zum Staat im Staate. Die Gewerkschaften waren eine der zentralen Stützen des Peronismus. Letzteren kann man sich vereinfacht als autoritären Sozialdemokratismus vorstellen. Eine durch Mussolini inspirierte faschistisch anmutende Organisation von Partei und Gesellschaft, aber mit starkem sozialpolitischem Fokus und in absoluter Feindschaft zur argentinischen Oligarchie. Wenn man so will, ein paternalistischer Sozialismus. Der Mangel an Respekt für Rechtsstaat und Demokratie unter Peron ließ natürlich Tür und Tor offen für spätere antidemokratische Entwicklungen sowie für das düstere Kapitel der Militärdiktatur ab 1976.

Freitag, 24. April 2009

Das Resümee der Reise: „Dahoam is dahoam“

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Kürzlich habe ich über eine zweiwöchige Reise in nach Nordargentinien und Bolivien berichtet. Nun, das schlimmste an der Reise ist eigentlich das Resümee. Eine Demütigung für einen Weltenbürger, einen selbst ernannten Kosmopoliten und Internationalisten. Schon vor der Reise musste ich mich im Wochentakt mit „Heimatflashes“ herumschlagen. Bei diesem Phänomen hat man für den Bruchteil einer Sekunde ein Bild vor Augen und fühlt intensiv eine vertraute Situation. Etwa einen strahlenden Moment Herbst im Ausseerland, einen Sommerhauch am wunderschönen Siebensternplatz oder ein Tal aus Schnee in Lilienfeld. Es durchzuckt einen ein kurzer Stich und ein bittersüßer Nachgeschmack macht klar, man hatte gerade einen Augenblick so etwas wie Sehnsucht nach einer schönen und vertrauten Umgebung – gemeinhin als Heimweh bekannt – gefühlt. Nun, nachdem ich bereits in einem anderen Blogeintrag (3. Feber) Anflüge von patriotischen Instinkten bekennen musste, mischt sich nun mit dem Heimweh ein Motiv aus dem Schlagergenre hinzu. Meine jüngste, durch Heimatflashes verursachte Angst ist jene, als Kosmopolit in die Welt gegangen zu sein und als Österreicher der Sorte „Dahoam is Dahoam“ zurückzukehren.


Wieso diese Angst berechtigt ist, zeigt das Resümee das mein Brüderchen Konstantin (Seinen und Sarahs Besuch verbanden wir mit der Reise) und ich gegen Ende unserer Tour nach Nordargentinien und Bolivien zogen (meine Heimatflashes traten bei der Reise regelmäßiger auf als in Buenos Aires). Bei aller Spektakularität, Schönheit und Faszination der Welt der Anden, wir finden immer noch, dass es zu Hause am Schönsten ist !?! Krankhafte Heimatliebe und lächerlicher Provinzialismus sind nicht nur Auswüchse des Kärntnerismus petznerscher Prägung (Bei dieser Gelegenheit: Was wurde eigentlich aus Stefan Petzner?), diese Phänomene können offenbar auch bei weltoffeneren Menschen auftreten.



Darunter leiden könnten etwa Expats (Expatriates), also Menschen die außerhalb ihres Heimatlandes leben. Sie sind in der Regel aufgeschlossene Leute mit einem etwas weiteren geistigen Horizont und Interesse an der Welt. Offenbar sind sie nicht davor gefeit ein Provinzei in ihrem Charakter herumzutragen. Ich bin überzeugt, Heimatflashes sind ein Phänomen das auch Deutsche, Dän/innen oder Brit/innen verfolgt. Das besonders hinterhältige, bestechende und zermürbend gemeine für meine Situation ist nur: Österreich ist so schön, dass selbst Gott jeden Tag aufs Neue erstaunt ist. Wie soll man sich da wehren?



Es gibt ein Lied, das meinem derzeitigen kulturellen Niedergang wunderbar Ausdruck verleiht. Zumindest die erste Strophe, trifft das hier geschriebene wie den Nagel auf den Kopf: „Bozner Bergsteigerlied“.

Mittwoch, 22. April 2009

eine kleine Reise

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So sieht der Nordwesten Argentiniens ungefähr aus. Wie eine Lucky Luke-Landschaft

Aus Visagründen muss ich alle drei Monate ausreisen. Einen Besuch meines Brüderchen Konstantins und seiner Freundin Sarah haben wir um die Osterwoche zum Anlass genommen eine zweiwöchige Reise in den Norden Argentiniens zu machen und nach Bolivien auszureisen. Die für Reisende interessanten nordwestlichen Provinzen Argentiniens sind vor allem Tucuman, Salta und Jujuy. Verglichen mit Buenos Aires (meiner Einschätzung nach ca. 60% des Wiener Preisniveaus) ist der Nordwesten eine budgetäre Offenbarung (vielleicht 40% des Wiener Preisniveaus).

Konst und Sarah warten auf Godot

Für Reisen in Südamerika muss man seine Reisegewohnheiten glaube ich ein bisschen abwandeln: Außerhalb der großen Metropolen gibt es zwar recht nette Örtchen und Städte, für einen intensiven Städtetourismus wie in Europa fehlt es hier jedoch meist an Substanz. Es gibt kein Florenz, kein Salzburg und kein Brügge. Auch die Dörfer haben selten den Charme von Dörfchen in den Alpen oder am Mittelmeer. Reisen ist hier in erster Linie ein Naturerlebnis und als solches werden die Busfahrten zwischen den Orten wichtiger als das Flanieren in den jeweiligen Orten. Überdies ist es essentiell die Ortschaften zu verlassen und zu Fuß, am Moped oder am Pferd die Gegend zu erkunden. Erst das Verlassen der Dörfer ermöglicht es die unfassbar schöne und eindrucksvolle Landschaft zu Gesicht zu bekommen.

Salzkammergutidylle in Amaicha (Provinz Tucuman)

Durch diesen Naturfokus wird der Bezug zur lokalen Bevölkerung natürlich noch geringer als beim Tourismus in Europa. Während man in Paris oder Wien noch die von Menschen geschaffenen Werke betrachtet (mit denen sich die lokale Bevölkerung auch meist identifiziert) und den örtlichen Lifestyle erkunden möchte, schaut man in Südamerika als Ausländer/in die Natur an, die mit den Einheimischen unmittelbar gar nicht so viel zu tun hat (erinnert ein bissl an Skiulaub). Man fährt als verhältnismäßig wohlhabender Europäer in die Länder der armen Leute um deren wundervolle Landschaften zu betrachten, ein Vorgang zu dem man die lokale Bevölkerung eigentlich gar nicht bräuchte. Es werden weniger die Menschen erkundet, als vielmehr die Natur, was beim Reisen einen schalen Beigeschmack hinterlässt.

Konst und ich spüren das Bedürfnis den Felsen zu bezwingen.

Wir feiern unseren Sieg über den Felsen in Urmenschenmanier

Argentiniens Nordwesten

Die Sonne zwang uns Cowboyhüte zu kaufen (in Argentinien heißt das Äquivalent zum Cowboy Gaucho). Vor allem Konst und ich waren sehr unglücklich, nach rund 15 Jahren erfolgreicher Abstinenz wieder in die Rolle eines Cowboy schlüpfen zun müssen. Auch Sarah war als Cowgirl sehr schick.

Der Nordwesten hatte historisch eine große Bedeutung weil es die ersten Gebiete Argentiniens waren, die von Spanien kolonialisiert wurden. Die Spanier/innen besiedelten Argentinien vor allem vom Vizekönigreich Peru aus, marschierten also von der Hauptstadt Lima durch die Anden nach Süden. Sie ließen auch zum Leidwesen von Buenos Aires den gesamten Handel über Lima abwickeln. Die Stadt Tucuman wurde beispielsweise 1571 und somit neun Jahre vor Buenos Aires gegründet (zwei vorangegangene Gründungsversuche spanischer Siedlungen am Rio de la Plata wurden von den ansässigen Indianern platt gemacht). Buenos Aires blieb überhaupt 200 Jahre lang relativ unbedeutend, bis es 1776 zur Hauptstadt des Vizekönigreiches „Rio de la Plata“ ernannt wurde. Tucuman spielte aber auch später noch eine wichtige Rolle in der Geschichte Argentiniens. Im Jahre 1816 wurde dort die Unabhängigkeit der Vereinten Provinzen von Rio de la Plata (Vorläufer Argentiniens) von Spanien proklamiert.

Tucuman Stadt beeindruckte nicht zuletzt durch einen Platzregen

Schon die Busfahrt von Buenos Aires nach Tucuman (der südlichsten dieser Nordwestprovinzen) dauert 16 Stunden. Bereits in den Dörfern der Provinz Tucuman wurde schnell klar, dass die Menschen hier nicht nur anders leben sondern auch physisch anders aussehen als die Porteños, die Bewohener/innen von Buenos Aires. Während die „Capital federal“ weißer ist als jede europäische Großstadt, trafen wie nun auf viele Mestizen. So auch Sebastian, der freundliche junge Fremdenführer der mit uns durch die Lucky Luke Landschaft ritt. Er hatte eigentlich Jus studiert (auf Wunsch seines Vaters) um die Rechte der Indigenen zu verteidigen. Sebastian zieht es allerdings vor mit Tieren zu arbeiten und Touristen zu führen. Von ihm wissen wir, dass die Indigenen im Nordwesten eine leidvolle Geschichte erleben mussten. Erst unterwarfen die Inka das Gebiet, einige Jahrzehnte später kamen die spanischen Eroberer. Das heute noch teilweise verbreitete Quechua ist eigentlich die Inkasprache, die ursprüngliche Sprache der Indigenen dieser Region ging verloren. Heute wird selbst in Orten mit einer deutlichen Mehrheit von Mestizen in den Schulen kein Wort über die indigene Vergangenheit Argentiniens verloren. Vor allem in Buenos Aires herrscht das Bedürfnis vor, sich als rein europäisches Land darzustellen und indigene oder afrikanische Einflüsse zu leugnen. Dieser Staatsrassismus führt dazu, dass sich nur zehn Prozent der argentinischen Bevölkerung als Mestizen (Mischung aus Weißen und Indigenen) deklarieren (der Rest als Weiße), obwohl der Anteil wahrscheinlich deutlich höher liegt. Die Mestizen vor Ort kennen die Geschichte der Indigenen nur aus der mündlichen Überlieferung und bemühen sich erst in letzter Zeit, diese in institutionalisierter Form an die Kinder weiterzugeben.

Ganze Landstriche sehen aus wie Marslandschaften. Hier zwischen Cafayate und Cachi (Provinz Salta)

Aus dem extrem aufwendigen „Pachamama-Museum“ im Dörfchen Amaicha (2000 Meter Seehöhe) wissen wir, dass vor der Christianisierung ein Mehrgottglaube vorherrschte, der von seiner Struktur an die Religionen der Antike erinnert. Es gab einen Hauptgott und Nebengötter, nur dass die Rolle der Nebengöttin Pachamama (Madre de la Tierra – Mutter Erde) so herausragend scheint, dass sie alle anderen Götter, selbst den Hauptgott in den Schatten zu stellen scheint. Auch 500 Jahre Christianisierung halten die Bevölkerung bis heute nicht davon ab, kleine Opferpyramiden aus Steinen zu bauen mit denen sie die Mutter Erde um Unterstützung für was auch immer sie brauchen bitten. Die Opfer sind faszinierender Weise meist Zigaretten….

Die Pachamama (Mutter Erde). In den 1990er-Jahren hatte der schwer korrpute Präsident Menem Millionen locker gemacht die seine Freunde in Prestigeprojekten verprassten. Im Falle dieses extrem aufwenige Museums in Amaicha (Provinz Tucuman) waren es zwei Millionen US-Dollar.

Der Nordwesten ist vor allem für seine Gebirge, Täler und Schluchten bekannt, die in der Tat beeindruckend sind. Die Regionen sind meist extrem trocken und die Regentage lassen sich an einer Hand abzählen. Dementsprechend trifft man hier auf Kakteenwälder und hochgelegene Steppen. Die schneebedeckten Gipfel rundherum sind über 6000 Meter hoch. Die Dörfer liegen in einer Höhe zwischen 2000 und 3000 Meter. Tagsüber scheint meist die Sonne und es ist warm bis heiß, kaum verschwindet sie Sonne gegen 18:00 wird es saukalt. Die Einheimischen stört das kaum. Sie haben keine Heizungen, dafür lassen sie in den Restaurants auch Nachts gleich die Türe offen.

Die Quebrada (Schlucht) von Cafayate ist eines der spektakulären Highlights in der Provinz Salta

Boliviens Südwesten

Das argentinische Grenzstädtchen La Quiaca (3.400 m) rühmt sich 5121 Straßenkilometer. von Usuhaia, der südlichste Stadt Argentiniens und der Welt (Provinz Feuerland) entfernt zu liegen. Von La Quiaca kommt man nach Bolivien, was unmittelbar eine weitere Halbierung des Preisniveaus, der Qualität der Infrastruktur und des Reise- und Lebenstempos bedeutet. Außerdem wird schnell klar, in diesem Landstrich gibt es keine Weißen und die Mestizen sind gegenüber den völlig indigenen Menschen in der Minderheit. Über die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Boliviens gibt es recht unterschiedliche Schätzungen. Deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung (zwischen 55 und 70 Prozent) dürften indigenen Volksgruppen angehören. Rund 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind Mestizen und zwischen 5 und 15 Prozent werden als Weiße eingestuft. Erst aus diesen Zahlen wird klar wie brisant der Umstand ist, dass Evo Morales der erste indigene Präsident Boliviens ist. Er wurde im Jänner 2006 im ersten Wahlgang mit 54% der Stimmen gewählt und ihm Rahmen eines außerordentlichen Referendums 2008 mit 67(!)% der Stimmen im Amt bestätigt. Der die dortigen politischen Entwicklungen verdienen einen kleinen Exkurs.

Evo und Bolivien

Evo Morales. Können diese Augen lügen?

Bolivien ist das wirtschaftlich ärmste Land Lateinamerikas, über 60 Prozent der Bevölkerung leben in Armut, die Einkommen sind extrem ungleich verteilt. Das Bild von dem Land ist vor allem in politischer Hinsicht ein bisschen grotesk. Einerseits herrscht eine lethargische Atmosphäre vor, an der schon Che Guevara erst verzweifelt und letztlich gescheitert ist. Andererseits scheint die Gesellschaft derzeit total politisiert und alles ist voll mit Plakaten für oder gegen die neue Verfassung bzw. für oder gegen Evo Morales.

Faktum ist, dass Bolivien zwiegespalten ist, zwischen dem ärmeren indigenen Hochland im Westen und dem wohlhabenderen von Weißen und Mestizen besiedelten östlichen Tiefland. Letzteres wird von den Indigenen als "Oriente" bezeichnet, die Weißen sind die "Orientales". Das Hochland lebte einst vom Bergbau der in den letzten Jahren weitgehend niedergegangen ist, das Tiefland verfügt über Bodenschätze (v.a. Gas) und eine teilindustrialisierte Landwirtschaft. Steuermittel werden von Ost nach West transferiert. Die Regierung Morales findet ihre Unterstützung vor allem im bevölkerungsreicheren Hochland und verfolgt einen zentralistischen und staatswirtschaftlichen Kurs, der Bolivien auch aus der Umklammerung der USA befreien soll. Im Tiefland hat die Opposition das Sagen, hier herrscht ein wirtschaftsliberaler und föderaler Tenor vor. Man versucht sich durch Autonomiebestrebungen dem Kurs der Regierung Morales zu entziehen. Im Tiefland gibt es große Öl und vor allem Gasvorkommen, die bis vor kurzem von ausländischen Konzernen kontrolliert wurden. Mit einer Neuverhandlung der Verträge übernahm die Regierung Morales 2006 weitgehende Kontrolle über diese Bodenschätze.

Von Großgrundbesitzern und Unternehmern finanzierte politische Verbände versuchen nicht zuletzt mit gewaltsamen Mittel die Autonomiebestrebungen des Ostens durchzusetzen. Ein bewaffneter Überfall in der Provinz Pando auf eine unbewaffnete regierungsfreundliche Bauerndemonstration mit zig Toten wurde von der Propaganda der rechten Opposition als Akt der Verteidigung dargestellt. Erst eine Untersuchungskommission mehrerer lateinamerikanischer Staaten stellte feste, dass es sich um ein Massaker verübt von aggressiven „Bürgerwehren“ gehandelt hatte die unmittelbar unter der Kontrolle des oppositionellen Präfekten von Pandu standen. Überdies dürften der Botschafter der USA sowie die US-Antidrogenbehörde regelmäßig auf Seite der oppositionellen Autonomisten ihre Finger im Spiel gehabt haben. Evo (wie ihn in Bolivien alle nennen) ließ den Botschafter ausweisen und beendete die Kooperation mit der Antidrogenbehörde.

Evo Morales hat eine in Lateinamerika anerkennte erfolgreiche Massenalphabetisierung zu Stande gebracht. Als einstiger Führer der Kokabauernbewegung unterstützt er den Kokaanbau, der in Bolivien vor allem dem Kauen von Koka und dem Kokatee verwendet wird (welche Mengen zu Kokain weiterverarbeitet werden ist schwer auszumachen). Evo hat in einer Volksabstimmung am 25. Jänner dieses Jahres eine Verfassung mit breiter Mehrheit durchgesetzt, die eine Verstaatlichung der natürlichen Ressourcen und der Eisenbahn, mehr Rechte für die indigene Bevölkerung und die Abschaffung des Katholizismus als Staatsreligion vorsieht. Die Maximaldauer von zwei Amtszeiten für die Präsidentschaft wurde nicht verlängert. Evo hält sich an die demokratischen Spielregeln und treibt trotzdem einen Prozess voran der letztlich als revolutionär bezeichnet werden kann.

Dieser freundliche Tourist, an dessen Namen wir uns leider nicht mehr erinnern können, befürwortet Evos Politik jedenfalls plakativ.

Wir in Bolivien

Im Süden Boliviens leben fast nur indigene Menschen. Für sie sind alle weißen Touristen Gringos, unabhängig von deren genauer Herkunft. Die Menschen in Bolivien bewegen sich langsam, sprechen wenig und scheinen den Gringos nicht unendlich zugetan zu sein. Vor allem für Europäer/innen, die in Argentinien ja heiß geliebt werden, ist dieser Kontrast stark spürbar. Auf den Routen auf denen wir uns innerhalb der vier Tage bewegt haben, gab es eine perfekt ausgebaute Infrastruktur für westliche Rucksacktourist/innen. Es sind, abgesehen von ein paar Argentinier/innen, auch ausschließlich Menschen aus Westeuropa, Anglo-Amerika und Australien, die sich in den standardisierten Pizzerien, Jugendherbergen und Touristeninformationsbüros tummeln. Alle bewegen sich entlang der gleichen Routen, verwenden dieselben Busse und nützen die gleichen preiswerten Angebote Touren in Jeeps, Mopeds, Kleinbussen und auf Pferden zu machen. Wer sich nicht explizit abseilt, verlässt niemals das „Lonely Planet Bolivia“.

Wir haben in Bolivien im Prinzip nur die Salzwüste „Salar“ gesehen. Diese ist dafür an Spektakularität kaum zu übertreffen. Sie liegt auf 3650 Meter Höhe, erreicht mit einer Fläche von 12.000 km² die Größe Tirols und ist ein absolut surrealer Ort. Genaue Beschreibungen sind sinnlos, man muss selbst dort gewesen sein. Die Salar gilt zu Recht als eines der Highlights in Südamerika.

Wieder einmal zwingt einen das Schicksal sich als Cowboy-Gauchos fühlen zu müssen

Ein surrealer Ort eignet sich für surreale Fotos